Luftwurzeln der Orchidee bleiben dran, solange sie prall und grün oder silbrig sind. Abschneiden darf man nur, was tot ist: braun, papierdünn, hohl.
Wer eine Phalaenopsis auf der Fensterbank hat, kennt das Bild. Aus dem Topf ragen graugrüne Stränge, die wie Würmer über den Rand kriechen und aussehen, als gehörten sie nicht dorthin.
Sie gehören dorthin.
- Gesunde Luftwurzeln bleiben dran, solange sie prall, grün oder silbrig sind.
- Nur braune, papierdünne oder hohle Wurzeln dürfen entfernt werden.
- Vor dem Schneiden die Schere mit Alkohol desinfizieren und nicht gießen.
Warum die Pflanze ihre Wurzeln nach draußen schickt
Die meisten Orchideen im Handel stammen von Arten, die in den Tropen auf Baumästen wachsen. Dort stecken sie nicht in Erde, sondern klammern sich an Rinde und holen Wasser aus Regen, Nebel und feuchter Luft. Die Luftwurzel ist also keine Fehlentwicklung, sondern das Normalverhalten einer Pflanze, die gerade in einem ungewohnten Plastiktopf steht.
Ihre Hülle, das sogenannte Velamen, ist ein schwammartiges Gewebe aus toten Zellen. Es saugt Wasser auf wie ein Löschpapier und gibt es an den grünen Kern weiter. Zusätzlich betreiben die Wurzeln Photosynthese, daher die grüne Farbe, sobald sie nass werden. Eine Phalaenopsis mit vielen gesunden Luftwurzeln versorgt sich oft besser als eine, die man in den Topf zurückzwingt.
Gesund oder hinüber: So erkennen Sie den Unterschied
Trocken wirken gesunde Wurzeln silbrig-grau, nach dem Gießen färben sie sich grün. Sie fühlen sich fest an, fast wie ein dünner Gummischlauch. Kleine Wurzelspitzen in Grün oder Rot zeigen aktives Wachstum an.
Tot ist eine Wurzel, wenn sie braun oder schwarz verfärbt ist und sich beim Drücken leer oder matschig anfühlt. Manchmal zerfällt das Velamen dabei zu einer schleimigen Hülle, während innen nur noch ein dünner Faden übrig bleibt. Vertrocknete Wurzeln sind dagegen hart, flach und knistern leicht.
Ein Tipp, der oft hilft: erst gießen, dann urteilen.
Denn eine silbrige, schrumpelige Wurzel ist nicht automatisch tot, sie ist womöglich nur durstig. Wird sie nach dem Tauchbad prall und grün, bleibt sie. Bleibt sie dünn und braun, kann sie weg. Wer unsicher ist, wartet lieber ein, zwei Wochen, denn eine zu früh gekappte lebende Wurzel ist nicht zu ersetzen.
Schneiden: Werkzeug, Stelle, Maß
Greifen Sie zu einer scharfen Schere oder einem Messer und desinfizieren Sie die Klinge mit Alkohol, bevor es losgeht. Das klingt pedantisch, ist aber der einfachste Schutz gegen Pilze und Viren, die sich über Schnittwerkzeug von Pflanze zu Pflanze verbreiten. Die Flamme eines Feuerzeugs tut es zur Not auch.
Geschnitten wird nur direkt an der Stelle, an der das tote Stück beginnt, oder, bei komplett abgestorbenen Strängen, nah am Wurzelansatz. Gesundes Gewebe bleibt unberührt. Mit Zimtpulver auf der Schnittfläche lässt sich die Wunde zusätzlich trocknen, das ist ein verbreiteter Gärtnertrick und schadet nicht.
Gießen Sie nach dem Schneiden ein bis zwei Tage nicht.
Und wenn die Wurzeln im Topf faulen?
Dann hilft nur Umtopfen. Nehmen Sie die Orchidee heraus, entfernen Sie altes Substrat und schneiden Sie alles Matschige ab. Gesunde Wurzeln dürfen bleiben, auch wenn der Ballen am Ende deutlich kleiner aussieht. Neues Orchideensubstrat aus grober Rinde sorgt für die Luft, die das Wurzelwerk braucht, normale Blumenerde dagegen erstickt es innerhalb weniger Wochen.
Was Sie mit den langen Luftwurzeln sonst anstellen können
Viele Hobbygärtner fragen sich, ob die Dinger wenigstens nach unten sollen. Müssen sie nicht. Sie lassen sich vorsichtig in den Topf hineinbiegen, am besten direkt nach dem Gießen, wenn sie biegsam sind. Auf dem Weg dorthin brechen sie schnell, wenn sie trocken sind.
Alternativ nutzt man einen durchsichtigen Topf, in dem Luftwurzeln durch das Gefäß lugen dürfen, oder setzt die Orchidee in einen Übertopf aus Keramik, der als Rahmen dient. Im Orchideenhandel ist längst üblich, Pflanzen mit Wurzeln über den Rand wachsen zu lassen. Manche Sammler montieren ihre Orchideen sogar auf Kork oder Rindenstücke, so wie es in der Natur vorkommt.
Bleibt die Frage der Luftfeuchtigkeit. Bei trockener Heizungsluft im Winter (oft unter 40 Prozent) vertrocknen Luftwurzeln schneller, und Sie sollten sie häufiger übersprühen oder die Pflanze in die Nähe einer Schale mit Wasser und Kieseln stellen. Ein Badezimmer mit Fenster gilt als Lieblingsplatz vieler Phalaenopsis.
Wer seine Orchidee künftig mit neuen Augen ansieht, wird die grauen Stränge vielleicht nicht mehr als Makel lesen. Sie sind der sichtbarste Beweis dafür, dass sich die Pflanze wohlfühlt und weiterwächst. Wann haben Sie zuletzt so genau hingeschaut, bevor die Schere zum Einsatz kam?