Die Vorfreude ist immer dieselbe: Frühling kommt, die Gärtnereien füllen sich, und plötzlich stehen in jedem zweiten Wohnzimmer dieselben fünf Pflanzen. Hübsch. Pflegeleicht. Unschuldig. Doch einige dieser Frühlingsfavoriten haben ein Geheimnis, eines, das man erst bemerkt, wenn die benachbarte Zimmerpflanze bereits vergilbt, kümmerlich ausschaut oder einfach nicht mehr wächst, obwohl man doch alles richtig gemacht zu haben glaubt.
Pflanzen sind keine passiven Dekorationsobjekte. Die positive oder negative Wirkung von Pflanzen oder auch Mikroorganismen mittels chemischer Botenstoffe auf andere Pflanzen wird Allelopathie genannt. Der Begriff wurde 1937 von dem österreichischen Professor Hans Molisch geprägt, um biochemische Interaktionen zu beschreiben, durch die eine Pflanze das Wachstum der Nachbarpflanzen hemmt. : Manche Pflanzen kämpfen, still und unsichtbar.
Das wichtigste
- Minze, Monstera und Efeutute kommunizieren mit ihren Nachbarn – und es sieht nicht gut aus
- Ein Obstkorb neben deinen Pflanzen könnte der versteckte Saboteur sein
- Manche Pflanzen lösen bei anderen das zelluläre Selbstmordprogramm aus
Die Minze: der freundliche Tyrann auf der Fensterbank
Im Frühling landet sie in jedem zweiten Kräutertopf. Frisch, duftend, gesund. Doch die Minze ist eine der aggressivsten Pflanzen, die man in einen Gemeinschaftstopf setzen kann. Minze neigt tatsächlich dazu, andere Kräuter zu verdrängen. Sie breitet sich über unterirdische Ausläufer (Rhizome) aggressiv aus und kann schwächere Kräuter überwuchern. Besonders betroffen sind zarte Arten wie Basilikum oder Kerbel. Ihre Wurzelausscheidungen können zudem das Wachstum benachbarter Pflanzen hemmen.
Forscher am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben den Mechanismus aufgeklärt: Vor allem zwei Komponenten der ätherischen Minzöle sind gegen Konkurrenzpflanzen wirksam: Beta-Pinen und Menthon. Diese biologischen Botenstoffe lösen bei den damit versetzten Pflanzen das zelluläre Selbstmordprogramm aus und führen so zum Wachstumsstopp und Absterben der Keimlinge. Während die Minze selbst gegen die Wirkung ihrer chemischen Signale immun ist, löst die biologische Kommunikation in der Nachbarpflanze den selbstgesteuerten Zelltod aus. Ein Duft, der einen Mord begeht.
Die Lösung ist einfach: Minze immer einzeln in einen eigenen Topf pflanzen. Bei der Wahl des Standortes sollte bedacht werden, dass Minzen dazu neigen, sich stark auszubreiten. In einem Kräuterbeet sind schnell die Nachbarpflanzen verdrängt und überwuchert. Um dies zu verhindern, sollte Minze entweder in Kübelhaltung kultiviert oder mithilfe von Rhizomsperren in Schach gehalten werden.
Die Monstera: Schöne Bewohnerin mit toxischem Innenleben
Kein Instagram-Feed ohne Fensterblatt. Die Monstera ist seit Jahren Dauergast in deutschen Wohnzimmern, und im Frühling stehen die jungen Exemplare stapelweise in den Baumärkten. Was kaum jemand weiß: Das Fensterblatt (Monstera) enthält in Blättern, Blüten und Wurzeln Gifte wie Oxalsäure oder Resorcinol. Damit schützen sich die Pflanzen vor potenziellen Fressfeinden.
Das eigentliche Problem liegt aber nicht in der Giftigkeit, sondern im Wettbewerb. Eine ausgewachsene Monstera ist ein regelrechter Nährstoffstaubsauger. Bei guter Pflege kann es schnell passieren, dass die Monstera überproportional wächst. Im selben Topf oder in direkter Nachbarschaft zieht sie Feuchtigkeit, Licht und Nährstoffe ab, die andere, zartere Pflanzen zum Überleben brauchen. Wer eine Monstera neben eine Orchidee oder eine empfindliche Calathea stellt, darf sich über Gelbe Blätter bei der kleinen Nachbarin nicht wundern.
Tipp: Monsteras brauchen und verdienen ihren eigenen Platz, mit Abstand zu zarten Mitbewohnern.
Die Efeutute: Luftreinigerin mit einer dunklen Seite
Pflegeleicht, schön, rankt sich überall hin. Die Efeutute (Epipremnum aureum) ist der Klassiker schlechthin. wunderschön anzusehen. Außerdem ein wahrer Lufterfrischer, die Efeutute zählt zu den luftreinigenden Zimmerpflanzen mit der besten Leistung. Sie filtert Schadstoffe aus der Raumluft und verbessert damit das Wohnklima. Klingt ideal. Ist es in mancher Hinsicht auch. Bis man sie zu eng mit anderen Pflanzen hält.
In der Natur wird die Efeutute bis zu 20 Meter lang. Im Topf bleibt sie zwar deutlich kleiner, aber ihr Ausbreitungsdrang ist tief in ihrer DNA verankert. Zusammenpflanzen würde ich sie nicht, erstens da beides Kletterpflanzen sind und sich ästhetisch in die Quere kommen könnten, zweitens weil die Efeutute es leicht feucht braucht. Werden im selben Topf schwächere Pflanzen gehalten, übernimmt die Efeutute das Wurzelwerk und lässt dem Nachbarn schlicht keinen Platz. Da alle Pflanzenteile der Efeutute giftig sind, sollten beim Arbeiten unbedingt Handschuhe getragen werden. Ein weiterer Grund, sie bewusst zu platzieren.
Obst auf der Ablage und die Zimmerpflanze nebenan: das Ethylen-Problem
Weniger bekannt, aber äußerst wirkungsvoll: Das Ethylen dürfte am bekanntesten sein. Dieses Reifegas, ein Ektohormon, wird vor allem ausgeschieden von Äpfeln, Aprikosen, Avocados, Baumtomaten, Birnen, Papayas, Passionsfrüchten, Pfirsichen und Nektarinen. Wer also im Frühling einen Obstkorb neben seinen frischen Zimmerpflanzen-giessen-im-winter/”>Zimmerpflanzen stehen hat, sollte aufpassen. Diese Früchte setzen große Mengen Ethylen frei, was dazu führt, dass Blumen schneller verwelken, Knospen sich nicht mehr richtig öffnen oder Blütenblätter durchscheinend und welk werden. Wer bemerkt, dass seine Pflanzen trotz guter Pflege schnell vergilben, Blätter abwerfen oder schlapp wirken, sollte prüfen, ob sie in unmittelbarer Nähe zu einer Obstschale stehen.
Unter anderem führt ein Ethylenüberschuss zu Nekrose oder Chlorose an den Blättern, er fördert das Verwelken, Blätter und/oder Blumen verformen sich und das Wachstum kann gehemmt sein. Das gilt auch für Pflanzen wie Ficus oder Birkenfeige, die im Frühling besonders beliebt sind und gleichzeitig sehr empfindlich auf dieses unsichtbare Gas reagieren.
Besonders stark betroffen sind Pflanzen mit zarten Blüten oder dünnen Blättern, da sie das Gas schneller aufnehmen und darauf mit vorzeitigem Welken oder Blattfall reagieren. Die Birkenfeige, eine der meistgekauften Zimmerpflanzen überhaupt, wirft bei ethylenreicher Umgebung sofort Blätter ab. Wer sich je gefragt hat, warum der neu gekaufte Ficus nach einer Woche kahl ist, obwohl er perfekt gegossen wurde: jetzt weiß er’s.
Der Philodendron und der Verdrängungswettbewerb im Topf
Auch Philodendren sind Frühlingsklassiker. Robust, dekorativ, schnell wachsend. Philodendron-Arten sind allesamt giftig für Mensch und Tier, wie alle Aronstabgewächse. Doch auch hier ist der eigentliche Schaden für Mitpflanzen subtiler: Im gemeinsamen Topf werden kleine, langsam wachsende Pflanzen durch das aggressive Wurzelwerk schlicht überwältigt. Wer einen Philodendron mit einer zarten Friedenslilie teilt, schaut bald auf ein einseitiges Rennen.
Neben der Konkurrenz um Wasser, Licht und Nährstoffe ist die Allelopathie die wichtigste Form von Interferenz bei Pflanzen. Der Philodendron ist zwar kein klassisch allelopathischer Täter wie die Minze, aber sein schlichtes Platzbedürfnis macht ihn zu einem unfreundlichen Nachbarn. Allelopathika wirken in hohen Konzentrationen phytotoxisch. Sie hemmen oder unterbinden also das Wachstum von Nachbarpflanzen.
Was bleibt? Die Erkenntnis, dass Pflanzen keine friedlichen Mitbewohner sind, die stumm nebeneinander existieren. Sie kommunizieren, konkurrieren, und manche greifen aktiv an, mit Chemikalien, die man weder sieht noch riecht. Die gute Nachricht: Wer diese Dynamiken kennt, arrangiert seinen Urban Jungle künftig mit etwas mehr strategischem Blick. Die Frage, die sich dabei aufdrängt: Wie viele weitere unserer Lieblingspflanzen führen diesen stillen Kampf — und wir haben es noch gar nicht bemerkt?
Sources : gutefrage.net | zdfheute.de