Alte Gärtner kaufen nie neue Pflanzen: Diese brutale Vermehrungsmethode kostet keinen Cent

Im Gartencenter liegt eine Hortensie im Angebot. Zwölf Euro für eine einzige Pflanze. Wer das schon mal erlebt hat, weiß: Erfahrene Gärtner schütteln an solchen Regalen nur den Kopf. Nicht weil sie geizig wären, sondern weil sie längst verstanden haben, was die Natur ihnen kostenlos anbietet.

Die vegetative Vermehrung ist eine der ältesten Kulturtechniken des Menschen. Schon lange bevor die Züchtung gezielt betrieben wurde, haben Gärtner und Bauern Pflanzen durch Teilung, Stecklinge oder Absenker vermehrt. Wer dieses Wissen einmal verinnerlicht hat, kauft tatsächlich kaum noch neue Pflanzen. Der Garten wächst von allein, aus dem, was bereits vorhanden ist.

Das Wichtigste

  • Warum kaufen alte Gärtner kaum noch Pflanzen? Eine Technik aus Großmutters Zeiten macht es möglich
  • Die brutale Methode funktioniert mit Stecklingen, Absenkern und Abrissen – fast alle Gartenklassiker lassen sich so vermehren
  • Ein Weidenzweig-Trick aus Kleingärtner-Kreisen beschleunigt die Wurzelbildung ohne einen Cent Kosten

Die Logik hinter der Methode: Klonen ohne Labor

Dass aus abgeschnittenen Pflanzenteilen einfach neue, eigenständige Pflanzen entstehen können, ist eine große Besonderheit in der Natur. Es ist möglich, da die Pflanzen in der Lage sind, Zellen sozusagen umzuprogrammieren. Egal welche Funktion sie zuvor hatte, ob die Zelle zu Blatt, Spross oder Wurzel gehörte, sie kann ihre Funktion vergessen und Bestandteil eines neuen, völlig anderen Gewebes werden. Klingt nach Hightech-Biologie, ist aber im Prinzip nichts anderes als das, was Ihre Großmutter mit einem abgeknickten Rosenzweig im Wasserglas gemacht hat.

Der Vorteil ist eindeutig: Jede neue Pflanze ist genetisch identisch mit der Mutterpflanze und behält damit zuverlässig alle Eigenschaften, die man an ihr schätzt. Ob die leuchtende Farbe einer Rose, die Form einer Staude oder der besondere Geschmack einer Obstsorte, durch vegetative Vermehrung bleibt all dies über Generationen erhalten. Im Gegensatz dazu ist die Anzucht aus Samen immer ein kleines Glücksspiel, denn die Pflanzen, die durch Samen entstehen, können andere genetische Merkmale als die Elternpflanzen aufweisen. Wünschenswerte Eigenschaften können im Laufe der Zeit bei der Vermehrung durch Samen verlorengehen.

Der Steckling: Die brutalste und effektivste Variante

Ein Zweig. Ein Glas Wasser. Fertig. So simpel beginnt die häufigste Methode alter Gärtner. Bei der Vermehrung von Pflanzen über Stecklinge werden einzelne Pflanzenteile abgetrennt und anschließend bewurzelt. So entsteht eine komplett neue Pflanze. Diese sogenannten Stecklinge werden einfach in den Boden, ein Anzuchtsubstrat oder Sand gesteckt.

Viele Pflanzenarten lassen sich durch Stecklinge vermehren, zum Beispiel Hortensien, Lavendel, Rosen, Geranien, Fuchsien und Flieder. Das sind keine Pflanzen aus der Exoten-Abteilung, sondern die Klassiker jedes deutschen Hausgartens. Stecklinge schneidet man am besten von Ende Mai bis August, wenn die frischen Austriebe lang genug und ausgereift sind.

Die Technik klingt simpel, hat aber ein paar Tücken. Ist der Steckling zu weich, fault er schnell; ist er aber bereits verholzt, wird er nur selten anwurzeln. Da der Steckling dieselben Eigenschaften aufweisen wird wie seine Mutterpflanze, ist es wichtig, das Ausgangsmaterial ausschließlich von kräftigen und gesunden Pflanzen zu entnehmen. Damit die Stecklinge später gut anwurzeln, wählt man am besten frische ein- bis dreijährige Triebe aus.

Ein Geheimtipp aus alten Kleingärtner-Kreisen, den kaum jemand kennt: Weiden bilden sehr schnell Wurzeln und scheiden dabei ein Hormon aus, das anderen Pflanzen bei der Bildung von Wurzeln hilft. Sozusagen ein natürliches Bewurzelungsextrakt. Wer also Wasserstecklinge zieht, steckt einfach ein paar Weidenzweige mit dazu, um die Wurzelbildung zu beschleunigen. Null Kosten, maximale Wirkung.

Absenker, Teilung, Ausläufer: Das vollständige Repertoire

Der Steckling ist nur eine von mehreren Methoden im Werkzeugkasten erfahrener Gärtner. Wer einen Strauch hat, dessen Äste lang und biegsam genug sind, nutzt den Absenker. Man drückt einen langen, ein- oder zweijährigen Trieb von der Mutterpflanze nach unten, befestigt ihn und bedeckt einen Teil des Triebes mit Erde. Das Ende des Triebes schaut aus der Erde heraus. Nach erfolgreicher Wurzelbildung wird der Trieb von der Mutterpflanze getrennt und separat eingepflanzt. Der beste Zeitpunkt dafür sind die Sommermonate Juni und Juli.

Noch radikaler geht es mit dem sogenannten Abriss. Der Abriss ist eine weitere Form der vegetativen Vermehrung, bei der durch das Abreißen von bewurzelten Pflanzenteilen neue Jungpflanzen entstehen. Bei dieser rabiat klingenden Methode werden die Mutterpflanzen zuvor bis kurz über den Boden zurückgeschnitten und so zum starken Neuaustrieb angeregt. Die sich bildenden Jungtriebe werden dann nach und nach mehrmals mit Erde angehäufelt und so zur Bildung von Adventivwurzeln angeregt. Brutal? Ja. Effektiv? Absolut.

Wer Stauden im Garten hat, kommt noch einfacher ans Ziel. Eine weitere Möglichkeit der Vermehrung ist die Teilung der Pflanzen, wie es bei vielen Stauden gemacht wird. Durch die Teilung wird zudem häufig auch die Blühfreudigkeit gesteigert. Die Teilung sollte möglichst im Herbst oder Frühjahr erfolgen. Aus einer alten, überwucherten Staude werden so im Herbst drei neue Pflanzen, die im Frühjahr frisch und vital austreiben.

Und dann sind da noch die natürlichen Ausläufer, die manche Pflanzen einfach von selbst produzieren. Bei den Erdbeeren sind die Ausläufer zur Vermehrung erwünscht. Im Laufe des Jahres bilden die Erdbeeren lange Triebe, an denen schließlich ein neuer Seitenspross, also eine neue Pflanze inklusive Wurzeln entsteht. Ist diese groß genug, wird sie einfach von der Mutterpflanze getrennt und an anderer Stelle eingepflanzt. Weitere bekannte Beispiele sind Minze, Thymian, Baldrian, Liebstöckel und auch Bambus.

Was man wirklich braucht, um anzufangen

Keine Spezialausrüstung. Kein Wissen aus dem Studium. Stecklinge werden aus noch jungen Pflanzenteilen geschnitten, die noch nicht verholzt sind. Das gelingt mit vielen Zimmerpflanzen, mehrjährigen Topfpflanzen, allerlei krautigen Gartengewächsen, Sträuchern oder mediterranen Kräutern. Für die Bewurzelung in Erde gilt: Als Substrat eignet sich Anzuchterde oder normale Blumenerde, die mit Sand gemischt wird. Das Substrat sollte nährstoffarm und keimfrei sein.

Wer sich für den einfachsten Einstieg entscheidet, stellt den frischen Trieb ins Wasserglas. Nach etwa zwei bis drei Wochen bilden Stecklinge neue Wurzeln, dann ist der perfekte Zeitpunkt zum Umtopfen. Wer es schon etwas geübter angeht, steckt direkt in Erde und sorgt mit einer Plastikhaube oder einem umgestülpten Glas für ausreichend Feuchtigkeit.

Die Stecklingsvermehrung eröffnet nicht nur die Möglichkeit, kostenlos neue Pflanzen zu gewinnen. Sie erlaubt es auch, seltene oder besonders geschätzte Sorten zu erhalten und weiterzugeben. So kann man den Garten mit einzigartigen Pflanzen bereichern und vielleicht sogar Freunde und Familie mit selbstgezogenen Exemplaren überraschen. Ein Steckling als Mitbringsel hat übrigens eine ganz andere Qualität als ein Blumenstrauß. Er wächst weiter.

Wer einmal begonnen hat, Pflanzen selbst zu vermehren, sieht seinen Garten mit anderen Augen. Jede Hortensie ist plötzlich eine potenzielle Quelle von zehn neuen Pflanzen. Jede Staude, die zu groß wird, ein Anlass zum Teilen statt zum Wegwerfen. Die Frage ist eigentlich nicht, warum alte Gärtner keine neuen Pflanzen kaufen, sondern warum wir es überhaupt noch tun.

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