Ein Schlauchzimmer verzeiht wenig. Jeder Zentimeter zählt, jede Möbelentscheidung wirkt sich sofort auf die Bewegungsfreiheit aus. Und ausgerechnet beim Pax-Schrank von IKEA, dem heimlichen Standardmöbel deutscher Schlafzimmer, machen viele denselben Fehler: Sie schieben den 58 Zentimeter tiefen Korpus reflexhaft an die lange Wand, weil das optisch logisch erscheint. Das Problem dabei: Genau diese Wand ist in einem schmalen Raum meist die einzige Fläche, die noch Platz zum Gehen lässt.
Das Wichtigste
- Eine einfache Maßnahme mit Kreppband offenbart, wie eng der Weg wirklich wird
- Die 35-cm-Tiefe-Variante existiert, wird aber systematisch übersehen
- Eine unerwartete Kombination aus zwei verschiedenen Tiefen könnte alles verändern
Warum die Tiefe zum eigentlichen Gegner wird
Die Rechnung ist schnell gemacht. Die verfügbaren Breiten liegen bei 50 cm, 75 cm oder 100 cm und die Tiefen bei 35 cm oder 58 cm. In der Praxis wird diese Tiefe gerne auf 60 Zentimeter aufgerundet, doch schon die exakten 58 Zentimeter fressen in einem 240 Zentimeter breiten Schlauchzimmer fast ein Viertel der gesamten Raumtiefe. Steht der Schrank an der Längswand, bleibt oft nur noch ein schmaler Korridor übrig, durch den man sich seitlich zwängen muss, um ans Bett oder zum Fenster zu kommen.
Das Kuriose daran: Die meisten Menschen planen ihren Kleiderschrank nach Gefühl, nicht nach Maß. Sie stellen sich vor, wie der Schrank an der langen Wand “ordentlich” aussieht, und übersehen dabei den Laufweg komplett. Ein Trick, den Einrichtungsprofis oft empfehlen, hilft hier mehr als jede Vorstellungskraft: Maße mit Kreppband direkt auf dem Boden markieren. Um einen Eindruck davon zu bekommen, wie viel Fläche der Kleiderschrank einnehmen wird, kann man Kreppband zu Hilfe nehmen, die Maße auf dem Boden abkleben und die Abmessungen ein wenig auf sich wirken lassen. Wer das einmal gemacht hat, stellt oft überrascht fest, wie eng der verbleibende Weg tatsächlich wird, ganz anders als am Bildschirm im Online-Planer.
Die unterschätzte Alternative: die schmale Tiefe
Kaum jemand weiß es, aber IKEA bietet den Pax-Korpus nicht nur in der klassischen Tiefe an. Korpusse mit 35 cm Tiefe sind nur in Weiß erhältlich, bei 58 cm Tiefe stehen verschiedene Farben zur Auswahl. Diese 35-Zentimeter-Variante wird meist übersehen, weil sie in den Ausstellungen seltener zu sehen ist. Dabei kann sie im Schlauchzimmer den entscheidenden Unterschied machen: Statt fast 60 Zentimeter Raumtiefe zu verschlucken, bleibt nur gut die Hälfte davon übrig, der Laufweg gewinnt spürbar an Breite zurück.
Natürlich hat die schmalere Tiefe ihren Preis in Form von weniger Volumen. Wer viele Winterjacken oder Skiausrüstung lagern möchte, wird an Grenzen stoßen. Clever ausgestattet reicht aber auch das Pax-Modell mit 35 cm Tiefe, wobei man sich bei der Kleiderstange zwischen rechtwinkligen Stangen oder der klassischen parallelen Variante entscheiden kann. Wer parallele Stangen wählt, muss allerdings die Größe der Kleiderbügel anpassen, um die Türen schließen zu können, wobei sich ein Blick in die Kinderabteilung lohnt, da diese Bügel für kleinere Kleidergrößen absolut ausreichen. Ein kleiner Kompromiss, der sich in einem engen Raum locker auszahlt.
Kombinieren statt entweder-oder
Warum eigentlich nicht beides? Genau das machen erfahrene Pax-Planer immer öfter: auf der einen Seite Korpusse in 35 Zentimetern Tiefe und auf der anderen in 58 Zentimetern, um den Vorteil der größeren Tiefe für bestimmte Bereiche zu nutzen, ohne überall Platz zu verschenken. Im Schlauchzimmer bedeutet das konkret: Der tiefe Korpus wandert an die kurze Wand, wo er ohnehin kaum im Weg steht, während entlang der langen Wand die schlanke Variante zum Einsatz kommt, dort, wo jeder Zentimeter Laufweg zählt.
Auch bei Schiebetüren lohnt sich ein zweiter Blick auf die Zahlen, denn sie brauchen zusätzlichen Raum nach vorne. Bei der Auswahl von Schiebetüren wird sowohl in der Höhe, mindestens 4 cm über dem Korpus, als auch in der Tiefe, mindestens 9 cm vor dem Korpus, etwas zusätzlicher Spielraum benötigt. Diese neun Zentimeter werden in den seltensten Fällen mitgeplant, und genau sie können den letzten Rest Bewegungsfreiheit kosten. Wer im Schlauchzimmer auf Nummer sicher gehen will, greift lieber zu klassischen Scharniertüren mit nur einem Zentimeter Zusatzbedarf, oder plant die neun Zentimeter von Anfang an fest in die Raummaße ein.
Eckelement statt Frontalangriff auf den Laufweg
Ein weiterer, oft ungenutzter Kniff liegt in der Ecklösung des Systems. Die PAX Reihe bietet für Ecken im Schlafraum optional ein Eckelement an, mit dem zwei Korpusse platzsparend zu einer Einheit miteinander verbunden werden können. Statt den kompletten Stauraum stur entlang einer Wand aufzureihen, wandert ein Teil des Schranks in die Raumecke, eine Fläche, die in Schlauchzimmern fast immer brachliegt. So entsteht Stauraum an einer Stelle, die sonst nur Staub sammelt, während der Laufweg entlang der Längswand frei bleibt.
Am Ende geht es weniger um die perfekte Formel als um den Mut, vom Reflex “Schrank an die lange Wand” abzurücken. Wer beim nächsten Möbelkauf zuerst den Boden vermisst statt den Prospekt zu durchblättern, wird vermutlich feststellen, dass die Lösung nicht in einem größeren, sondern in einem klügeren Schrank liegt. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst beim Möbelkauf, nicht die größte Tiefe zu wählen, sondern die richtige für den eigenen Weg durchs Zimmer.
Sources : groups.google.com | ikea.com