Die Fensterbank bleibt leer, der Keller wird zur neuen Adresse: Wer im Herbst einen blühwilligen Ritterstern für die Weihnachtszeit haben möchte, muss seiner Zwiebel jetzt genau das Gegenteil von Licht und Wärme bieten. Denn ohne eine mehrwöchige Auszeit im Dunkeln streikt die Pflanze im Winter komplett und bildet höchstens Blätter, aber keine einzige Blüte.
Klingt paradox für eine Pflanze, die uns sonst mit satten roten oder schneeweißen Trichterblüten verwöhnt. Ist es aber nicht, wenn man ihre Herkunft kennt. Der Ritterstern, botanisch Hippeastrum, stammt aus Südamerika. Er blüht im Winter, was ihn zu einer typischen Weihnachtspflanze macht, und ruht im Herbst. Genau diesen Rhythmus simulieren wir hierzulande, nur zeitlich verschoben auf unsere Jahreszeiten.
Das Wichtigste
- Ab September: Warum die Fensterbank der falsche Ort für Ihren Ritterstern ist
- Das Geheimnis der ausbleibenden Blüten – und wie Sie es für immer lösen
- Mit einem einfachen Temperatur-Trick blüht Ihre Amaryllis genau am richtigen Datum
Warum die Zwiebel jetzt komplett abschalten muss
Ende August, Anfang September beginnt bei vielen Rittersternen ohnehin schon das große Vergilben. Ab September kündigt sich die Ruhephase durch das Vergilben und Vertrocknen der Blätter an, die danach einziehen, während die Pflanze alle Energie in ihrer Zwiebel bündelt. Das ist kein Anzeichen für Krankheit, sondern der ganz normale Rückzug der Pflanze auf ihre Wurzeln, im wahrsten Sinne des Wortes.
Wer jetzt panisch weiterhin gießt und düngt, sabotiert genau das, was die Zwiebel braucht. Ab August sollte man das Düngen einstellen und immer weniger gießen, bis die Wassergabe schließlich ganz eingestellt wird und die Blätter einziehen können, denn diese Ruhephase ist für die Neubildung von Blüten wichtig und findet sie nicht statt, bilden die Pflanzen zwar Blätter, aber keine Blüten. Genau hier liegt der Grund, warum so viele Amaryllis-Zwiebeln im Wohnzimmer nach dem ersten Winter nie wieder blühen: Sie bekommen ihre verdiente Pause nicht.
Acht Wochen im Dunkeln: So läuft die Ruhephase konkret ab
Sobald die Blätter komplett vertrocknet sind, wandert die Zwiebel an einen kühlen, dunklen Ort. Man reduziert das Gießen schrittweise, bis das Laub vollständig eingetrocknet ist, und lagert die Zwiebel anschließend kühl, trocken und dunkel bei idealerweise 10 bis 15 Grad, etwa im Keller oder in einer kühlen Speisekammer. Ein unbeheizter Flur, eine dunkle Garage oder eben der klassische Kellerraum eignen sich hervorragend, solange kein Frost droht.
Wichtig zu wissen: Während dieser Wochen passiert innerlich mehr, als das Auge sieht. Während dieser Zeit ruht die Pflanze und bildet neue Blütenanlagen im Inneren, und nach etwa acht bis zehn Wochen ist sie bereit für den nächsten Blühzyklus. Kein Wasser, kein Dünger, kein Licht, das ist die simple Formel für diese Phase. Wer die vertrockneten Blätter noch nicht entfernt hat, kann das jetzt problemlos nachholen, ebenso wie eine erste Kontrolle der Zwiebel auf weiche oder faule Stellen.
Manche Gärtnerinnen und Gärtner nehmen die Zwiebel sogar komplett aus dem Topf. Eine bewährte Methode dabei: Sie wird in Zeitungspapier gewickelt bis Ende Oktober kühl und dunkel gelagert, zum Beispiel im Keller. Das spart Platz und erleichtert gleichzeitig die Kontrolle, ob sich irgendwo Schimmel oder Druckstellen zeigen. Beide Varianten, im Topf oder ausgetopft, funktionieren zuverlässig, solange Dunkelheit und kühle Temperaturen stimmen.
Der große Auftritt: wenn die Zwiebel zurück ins Licht darf
Nach rund acht Wochen ist der Moment gekommen, die Zwiebel aus ihrem Winterschlaf zu holen. Wer die Blüte pünktlich zu Weihnachten haben möchte, sollte gegen Anfang bis Mitte November aktiv werden. Wird die Blüte rund um die Weihnachtszeit gewünscht, sollte die Zwiebel etwa acht Wochen vorher frisch eingetopft und über Nacht in eine Schale mit lauwarmem Wasser gelegt werden. Das weckt die Wurzeln sanft aus ihrer Starre.
Beim Eintopfen selbst gilt: nicht zu tief, nicht zu großzügig. Der Topf sollte nur zwei Fingerbreit größer sein als die Zwiebel, da zu viel Platz zu übermäßiger Blattbildung führt, gefüllt mit lockerer, humoser Blumenerde mit etwas Sand oder Blähton, wobei die Zwiebel so eingesetzt wird, dass etwa das obere Drittel aus der Erde ragt. Zu viel Erde rundherum bedeutet für die Zwiebel vor allem eines: Staunässe, und die verzeiht sie gar nicht.
Danach beginnt das eigentlich spannende Kapitel. Je wärmer der Standort, desto schneller treibt die Zwiebel aus, wer die Blüte hinauszögern möchte, stellt sie etwas kühler bei etwa 18 Grad auf, und fünf bis acht Wochen nach dem Eintopfen öffnen sich dann die ersten Knospen. Wer clever timt, kann also mit der Raumtemperatur regelrecht steuern, ob die Blüte zum ersten Advent oder erst am Heiligabend aufgeht, ein kleiner Trick, der bei Gästen garantiert für Staunen sorgt.
Was, wenn nichts passiert?
Bleibt die Zwiebel nach dem Eintopfen wochenlang stur und rührt sich nicht, liegt das selten an Pech. Wenn die Amaryllis nicht blüht, kann der Standort zu dunkel gewesen sein, es wurde zu wenig gedüngt, oder die Ruhephase der Pflanze wurde nicht beachtet. Gerade dieser letzte Punkt ist der häufigste Stolperstein: Eine Zwiebel, die im September und Oktober noch munter auf der warmen Fensterbank stand, hat schlicht keine Chance bekommen, sich zu regenerieren.
Ein Hinweis noch für alle, die im Handel gewachste Riesenzwiebeln entdeckt haben: Die mit Wachs umhüllten Zwiebeln haben kaum oder gar keine Wurzeln, weshalb eine Wachs-Amaryllis nur schwer ins nächste Jahr zu bringen ist. Für eine Zwiebel, die Jahr für Jahr wiederkommen soll, lohnt sich also die klassische, unbehandelte Variante deutlich mehr.
Acht Wochen Dunkelheit für einige Wochen prachtvolle Blüte, das ist im Grunde ein ziemlich fairer Deal. Wer seiner Zwiebel diese Geduld schenkt, bekommt nicht nur eine Weihnachtsdeko, sondern eine Pflanze, die theoretisch jahrzehntelang mitwachsen kann. Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob sich der Keller-Umzug lohnt, sondern eher: Warum wandern die meisten Zwiebeln trotzdem noch im Januar in den Biomüll, statt diese zweite Chance zu bekommen?
Sources : oekotest.de | web.de