Fünf Blätter. Das war die einzige Regel, die ich mir im August auferlegt hatte, als ich mit der Schere vor meinem roten Johannisbeerstrauch stand. Kein radikaler Rückschnitt, keine dramatische Verjüngung, nur ein sanftes Einkürzen der Seitentriebe auf diese magische Zahl. Zehn Monate später, im Juni, hingen dort dicke Rispen voller roter Perlen, wo im Vorjahr nur ein paar Blätter im Wind gezittert hatten. Kein Zufall, sondern Physiologie, wie sich beim genaueren Hinsehen zeigt.
Das Wichtigste
- Ein winziger Rest an fünf Blättern führt zu einer unsichtbaren Transformation unter der Rinde
- Der Trick funktioniert nur, wenn man genau weiß, welches Holz man schneidet – und welches nicht
- Neun Monate Geduld nötig, bis die Belohnung sichtbar wird
Warum ausgerechnet fünf Blätter den Unterschied machen
Rote Johannisbeeren ticken anders als ihre schwarzen Verwandten. Während die schwarze Sorte vor allem an einjährigen Langtrieben fruchtet, setzt die rote auf ältere Strukturen. Die längsten Trauben mit den größten roten oder weißen Johannisbeeren entstehen an den einjährigen Seitentrieben, die von den meist zwei bis drei Jahre alten Haupttrieben ausgehen. Genau hier liegt der Trick meines Sommerschnitts: Ein Seitentrieb, der auf fünf Blätter zurückgenommen wird, wird nicht geschwächt, er wird umgelenkt. Statt weiter in die Länge zu wachsen, konzentriert er seine Energie auf die verbleibenden Blattachsen, und genau dort bilden sich die Blütenknospen für das kommende Jahr.
Der Zeitpunkt war dabei kein Zufall. Der Sommerschnitt dient der besseren Belichtung, fördert die Bildung von Blütenknospen für das nächste Jahr und wird vor der Ernte durchgeführt. Wer im Hochsommer schneidet, wenn die Pflanze noch mitten im Wachstum steckt, gibt ihr genug Zeit, aus den verbliebenen Knospen tatsächlich noch Fruchtansätze zu entwickeln, bevor die Vegetationsperiode endet. Ein Rückschnitt im Winter oder zeitigen Frühjahr kommt für diesen speziellen Effekt schlicht zu spät.
Auslichten statt kappen: der feine Unterschied
Wichtig ist, was ich nicht gemacht habe. Ich habe die Seitentriebe nicht bodennah entfernt und auch keine einjährigen Ruten radikal eingekürzt. Auf gar keinen Fall dürfen bei der weißen und roten Johannisbeere einjährige Seitentriebe zurückgeschnitten werden, es genügt, die tiefer liegenden Verzweigungen älterer Haupttriebe zu beschneiden. Genau das war mein Vorgehen: ein gezieltes Auslichten der Seitentriebe an den zwei- und dreijährigen Haupttrieben, nicht mehr. Der kleine Reststummel, der dabei stehen bleibt, hat sogar einen eigenen Fachbegriff. Die oberen Seitentriebe werden derart zurückgeschnitten, dass jeweils ein kleiner Rest am Haupttrieb bestehen bleibt, diesen Rest nennt man Zapfen, er ist die Voraussetzung für neue Triebe, an denen dann auch wieder viele neue Früchte wachsen.
Diese Zapfen sind im Grunde kleine Fruchtholz-Fabriken. Wer sie Jahr für Jahr an der gleichen Stelle stehen lässt und nur die überschießende Verlängerung wegnimmt, baut über die Zeit ein regelrechtes Gerüst aus kurzen, dicht besetzten Fruchtspornen auf, ähnlich wie man es von Spalierobst kennt, nur eben am freistehenden Strauch. Genau dieses Prinzip steckt hinter der alten Gärtnerregel, die mir eine Nachbarin mit Jahrzehnten Erfahrung einmal erklärte: Man schneidet und lichtet einen Johannisbeerstrauch so, dass man einen Hut hindurch werfen könnte. Nicht Kahlschlag, sondern Durchlässigkeit für Licht und Luft, das war die Idee.
Was im Strauch passiert, während man nicht hinsieht
Zwischen August und Juni liegt eine lange, unsichtbare Phase, in der ein Johannisbeerstrauch fleißig Vorarbeit leistet. Jede Blattachse, die durch den Schnitt mehr Licht bekommt, wird zum potenziellen Standort einer Blütenknospe. Und diese Knospen überwintern, warten geduldig unter der Rinde, bis der erste warme Frühlingsregen sie zum Austreiben bringt. Ohne den Sommerschnitt hätte der Trieb einfach weiter in die Breite gewuchert, mit viel Laub und wenig Frucht, weil die Energie in Wachstum statt in Blütenanlagen geflossen wäre.
Dass gerade der Standort dieses Sommerschnitts so präzise gewählt sein muss, zeigt auch, warum viele Hobbygärtner enttäuscht sind, wenn sie einfach wild draufloskürzen. Der Sommerschnitt ist nicht in jedem Fall zu empfehlen, denn viele Sorten fruchten erst am dreijährigen Holz am besten, manche rote Johannisbeersorten fruchten am zweijährigen Holz noch nicht so stark und legen erst am dreijährigen Holz richtig los. Wer also zu forsch schneidet und ausgerechnet das zwei- oder dreijährige Fruchtholz erwischt, sägt sich selbst den Ast ab, auf dem im nächsten Sommer die Beeren hätten hängen sollen. Fünf Blätter stehen lassen bedeutet in der Praxis: genug Substanz für die Fotosynthese, genug Knospenansätze für die Zukunft, aber kein übermäßiges Wachstum, das dem Strauch Kraft für den Austrieb im Frühjahr raubt.
Ein kleiner Schnitt mit großer Wirkung
Was mich am meisten überrascht hat, war das Timing der Sichtbarkeit. Der Effekt zeigt sich nicht sofort, sondern erst nach einer kompletten Wachstumsperiode, fast wie eine verzögerte Quittung für die eigene Geduld im Vorjahr. Genau darin liegt vermutlich der Grund, warum so viele Hobbygärtner den Sommerschnitt vernachlässigen: Er verlangt Vertrauen in einen Prozess, dessen Ergebnis man erst neun bis zehn Monate später zu sehen bekommt.
Ein paar Faustregeln lohnen sich, wenn man diese Technik selbst ausprobieren will:
- Nur an zwei- bis dreijährigen Haupttrieben schneiden, nie an frischen, einjährigen Ruten
- Seitentriebe auf etwa fünf Blätter einkürzen, nicht komplett kappen
- Den Schnitt direkt nach der Ernte im Hochsommer setzen, nicht im Winter
- Bei brütender Hitze lieber einen milden, bewölkten Tag abwarten
Nächstes Mal, wenn im August die letzten roten Kugeln vom Strauch gepflückt sind, lohnt sich also ein zweiter Blick auf die Schere. Die Frage ist nicht, wie viel man wegnimmt, sondern wie präzise man die richtigen fünf Blätter findet, damit im Juni wieder dort etwas hängt, wo vorher scheinbar nichts war.
Sources : kraft-der-wildpflanzen.de | gartenjournal.net