Die Förster können es nicht mehr oft genug wiederholen: diese immergrüne Hecke am Gartenzaun taucht plötzlich kilometerweit entfernt wieder auf

Ein sattgrüner Kirschlorbeer am Gartenzaun, geschnitten wie eine Wand, blickdicht das ganze Jahr über: Für viele Gartenbesitzer ist das der Inbegriff von Ordnung und Privatsphäre. Doch was hinter dem eigenen Grundstück passiert, hat mit Ordnung wenig zu tun. Förster und Botaniker beobachten seit Jahren, wie sich genau diese Pflanze aus den Vorgärten löst und kilometerweit entfernt in Wäldern wieder auftaucht, dort, wo sie niemand hingepflanzt hat.

Der Grund dafür sitzt im Vogelmagen. Verbreitet wird die Pflanze über Samen, die Vögel mit den Früchten aufnehmen, und über entsorgte Zweige, die im feuchten Waldboden neue Wurzeln bilden. Amseln und Drosseln picken die schwarzen Beeren, fliegen weiter und scheiden die Kerne irgendwo im Unterholz wieder aus. Ein Vorgang, der sich täglich tausendfach wiederholt, unbemerkt, aber mit Folgen, die sich über Jahrzehnte summieren.

Das Wichtigste

  • Eine Universität dokumentiert, wie Kirschlorbeer-Pflanzen bis zu 500 Meter vom Waldrand entfernt auftauchen — ohne dass jemand sie dorthin gepflanzt hat
  • Unter den ausladenden Büschen wächst nichts mehr: Die Art verdrängt heimische Pflanzen und bietet Insekten praktisch keine Nahrung
  • Die Schweiz hat bereits reagiert — Deutschland stuft die Pflanze als potenziell invasiv ein, und der Klimawandel könnte das Problem verschärfen

Was eine Studie im Kottenforst tatsächlich zeigt

Wie weit dieser stille Prozess bereits fortgeschritten ist, wollte ein Forschungsteam der Universität Bonn genau wissen. Sie untersuchten das Vorkommen der seit Jahren als Heckenpflanze sehr beliebten Art im Kottenforst, einem großen Waldgebiet bei Bonn, und erfassten Häufigkeit, Wuchshöhe und -fläche sowie Altersstruktur und Reproduktionsfähigkeit. Die Methode war denkbar direkt: Das Forschungsteam legte 24 Vegetationslinien von je 500 Metern Länge an. Auf 19 davon fanden sich insgesamt 277 Kirschlorbeer-Exemplare, in besonders dichten Bereichen bis zu 63 auf einer einzigen Linie.

Interessant wird es beim Blick auf die Entfernungen. Die meisten Funde lagen weniger als 200 Meter vom Waldrand entfernt, einzelne Pflanzen wuchsen bis zu 500 Meter von Siedlungen entfernt. Das klingt zunächst nach wenig, doch für eine Pflanze, die niemand aktiv verpflanzt hat, ist das eine beachtliche Strecke, zurückgelegt von Schnäbeln und Verdauungstrakten, nicht von Gärtnerhänden. Manche Exemplare hatten dabei längst das Gartenmaß gesprengt: Viele Exemplare waren schon älter, bis zu 4,8 Meter hoch und bedeckten mehr als 50 Quadratmeter. Das älteste gefundene Exemplar war bereits etwa 30 Jahre alt.

Unter diesen ausladenden Büschen herrscht praktisch Stillstand. Unter ihnen wuchs nichts mehr, weil kaum noch Licht auf den Boden fiel. Im Kottenforst wurden in den bewachsenen Bereichen keine anderen Unterwuchsarten beobachtet, da die ausladende Wuchsform und das dichte, immergrüne Laub des Kirschlorbeers alle anderen Pflanzenarten zu verdrängen scheint. Was im eigenen Garten als praktischer Sichtschutz gilt, wird im Wald zur botanischen Sperrzone.

Warum Experten so alarmiert sind

Dominik Begerow, Direktor des Botanischen Gartens der Universität Hamburg, bringt die Sache auf den Punkt: “Kirschlorbeer ist eine stark invasive Art, die viele heimische Arten verdrängt und kaum ökologischen Nutzen hat.” Ein Satz, der wehtut, wenn man selbst so eine Hecke im Garten stehen hat, aber er trifft den Kern des Problems. Die Pflanze hat gegenüber heimischen Gehölzen einen unfairen Vorteil: Dass sie Trockenheit besser verträgt als manche heimische Art, verschafft ihr zusätzliche Vorteile. Ausgerechnet in Zeiten, in denen Sommer trockener werden, spielt das dem Kirschlorbeer in die Karten.

Auch für die Tierwelt ist die Bilanz mager. Der Biologe hebt außerdem hervor, dass Waldränder und Hecken als Aufenthalts- und Brutort für Singvögel verloren gehen. Zwar nisten manche Vögel auch im Kirschlorbeer selbst, doch jede andere Baum- oder Strauchart könnte dafür ebenso dienen, ökologisch bringt die Pflanze also kaum einen Mehrwert, den nicht auch heimisches Gehölz liefern würde. Für Insekten ist die Sache noch eindeutiger: Die Pflanze ist für die meisten Insekten uninteressant, ihre Blüten bieten nur wenig Nahrung, ihre Blätter sind wegen ihrer Inhaltsstoffe kaum als Futterquelle geeignet. Nur ein paar spezialisierte Rüsselkäferarten wissen mit dem Laub etwas anzufangen.

Gefährlich wird es, wenn Gartenbesitzer ihren Grünschnitt einfach im Wald entsorgen. Im Jahr 2022 kam es zu einem Vorfall, bei dem mindestens 24 Rehe aufgrund von illegal im Wald entsorgtem Kirschlorbeer-Grünschnitt verendeten. Die Blätter enthalten Blausäureverbindungen, für Wildtiere kann ein Häufchen abgeschnittener Zweige tödlich enden. Kein Wunder also, dass die Schweiz reagiert hat: Dort gilt seit September 2024 ein Verbot, Prunus laurocerasus zu verkaufen oder anderweitig zu handeln. In Deutschland ist man noch nicht so weit, doch nach der Liste des Bundesamts für Naturschutz gilt der Kirschlorbeer in Deutschland aktuell als potenziell invasiv, und der Klimawandel dürfte das Problem laut Experten noch verschärfen.

Was Gartenbesitzer stattdessen pflanzen können

Muss deshalb jeder Kirschlorbeer sofort weichen? Nicht zwingend, doch beim nächsten Neupflanzen lohnt sich ein Umdenken. Wer auf immergrünen Sichtschutz nicht verzichten möchte, kann Liguster pflanzen oder den echten Lorbeer, der bei Weitem nicht so invasiv ist und nebenbei in der Küche benutzt werden kann. Wer ohnehin lieber auf blühende, insektenfreundliche Alternativen setzt, findet ebenfalls Optionen: Ökologisch wertvoller seien blühende Gehölze wie Wildrosen, Besenginster, Felsenbirne, Schlehe oder Wildapfel. Sie bieten Nektar, Früchte für Vögel und ein Zuhause für Raupen, drei Dinge, die eine blickdichte Wand aus glänzendem Laub nicht liefert.

Wer trotzdem an seiner bestehenden Hecke festhält, sollte zumindest beim Rückschnitt aufpassen: Handschuhe wegen der Giftstoffe, und der Grünschnitt gehört in die Biotonne oder auf den Wertstoffhof, niemals in den Wald oder ans Feldgehölz. Kleine Gewohnheit, große Wirkung, denn genau dort, an vergessenen Schnitthaufen am Waldrand, beginnt für viele Exemplare die Reise ins Unterholz.

Die eigentliche Frage lautet vielleicht gar nicht, ob man den Kirschlorbeer verbietet oder toleriert, sondern wie viele andere beliebte Gartenpflanzen gerade unbemerkt denselben Weg gehen, still, über Vogelschnäbel, weit über den eigenen Zaun hinaus.

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