Das Bild war jedes Frühjahrdasselbe: Eine neue Clematis, frisch aus dem Gartencenter, gegen die Hauswand gestellt und nach sechs Wochen immer noch kläglich dünn und antriebslos. Dann kam der Abend, an dem mein Nachbar mit dem Gartenschlauch in der Hand fragte: “Warum stellst du den Topf auf den Kopf, bevor du pflanzt?” Ich hatte keine Ahnung, worum es ging. Heute lachen meine Kletterpflanzen über die Hauswand, als hätten sie nie anders gelebt.
Der Trick ist simpler, als man denkt, aber er verändert alles. Bevor die Kletterpflanze in die Erde kommt, wird der Wurzelballen für mindestens 15 Minuten in einen Eimer mit Wasser gestellt. Vollgesogen haben sich die Wurzeln, wenn keine Luftblasen mehr aufsteigen. Topf auf den Kopf stellen bedeutet also: den ganzen Wurzelballen komplett zu tauchen, wirklich vollständig, nicht nur kurz drüberhalten. Trockener Ballen plus trockene Gartenerde ergibt zusammen eine Pflanze, die erst wochenlang kämpft, bevor sie auch nur anfängt zu wachsen. Wer diesen ersten Schritt überspringt, verschenkt Monate.
Das Wichtigste
- Ein geheimnis aus der Nachbarschaft verändert alles – aber warum?
- Was passiert wirklich, wenn Wurzelballen minutenlang Blasen werfen?
- Der eine Schritt, den fast niemand macht, aber der gesamte Erfolg hängt davon ab
Was wirklich passiert, bevor man die erste Schaufel ansetzt
Ein Erfolgsfaktor für gutes Anwurzeln ist ausgiebiges Wässern vor dem Einpflanzen. Dazu wird der Wurzelballen der neuen Pflanze aus dem Topf genommen und in ein Wasserbad gesetzt. Wenn der Ballen ganz mit Wasser vollgesogen ist, kann die Pflanze in das Pflanzloch gesetzt werden. Was man dabei sieht, ist aufschlussreich: Aus trockenen Ballen steigen minutenlang Blasen auf, als würde man einen Schwamm tauchen. Das Substrat im Verkaufstopf hat nämlich eine erschreckende Eigenschaft: In den ersten zwei Jahren nach der Pflanzung ist eine ausreichende Wasserversorgung der wichtigste Faktor für einen erfolgreichen Anwachserfolg. Der neue Wurzelballen trocknet dabei wesentlich schneller aus als der umgebende Boden. Wer also denkt, kurz nach dem Einpflanzen zu gießen genüge, unterschätzt, wie viel Feuchtigkeit dieser kompakte Ballen von Anfang an braucht.
Parallel dazu, während der Ballen im Wasserbad sitzt, kommt der zweite oft ignorierte Schritt: Den Plastiktopf vor dem Einpflanzen entfernen und die Wurzeln auflockern. Die sind nach der langen Zeit im Topf stark zusammengepresst worden und können mit den Händen auseinandergezogen werden. Eingerollte, spiralförmig gewachsene Wurzeln finden auch in neuem Boden keinen Ausweg, sie drehen sich weiter im Kreis. Das Auflockern mit bloßen Händen, kein Werkzeug nötig, dauert vielleicht zwei Minuten und ist der Unterschied zwischen einer Pflanze, die stagniert, und einer, die förmlich explodiert.
Das Pflanzloch: Groß ist gut, tief ist besser
Umso größer das Pflanzloch ausgehoben wird, umso besser. Selbst junge Klettergehölze sollten schon beim Setzen ein Pflanzloch bekommen, welches mindestens 40 cm tief ist, besser gleich 60 cm, denn die Kletterpflanze wird in den nächsten Jahren weiter wachsen, auch in die Tiefe. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Pflanzloch, das die meisten von uns ausheben, ist so groß wie der Kauftopf selbst. Das entspricht in etwa einem Marathonläufer, dem man Schuhe zwei Nummern zu klein anzieht und ihn dann fragt, warum er nicht schnell genug läuft.
Die meisten Kletterpflanzen sind Tiefwurzler und benötigen deshalb genügend Bodentiefe. Mehrjährige Kletterpflanzen sollten 30 bis 60 Zentimeter tief gepflanzt werden. Wer das Loch aushebt, tut gut daran, auch den Boden zu lockern. Achten Sie darauf, dass der Grund gut gelockert ist, es darf sich keine Staunässe bilden. Falls nötig, legen Sie mit Kies oder Splitt eine Drainageschicht unter der Pflanzstelle an. Bodenverdichtung oder Staunässe führen zu Wachstumsdepressionen.
Was dann in dieses Loch kommt, ist genauso entscheidend. Ein gesunder, lockerer Boden ist das A und O für kräftige Kletterpflanzen. Bevor man pflanzt, lockert man den Boden ordentlich auf und mischt etwas Kompost oder gut verrotteten Mist unter. In schweren Böden kann etwas Sand oder Kies Wunder wirken, um die Durchlässigkeit zu verbessern.
Schräg pflanzen: der Trick, den kaum jemand kennt
Hier kommt der Teil, bei dem die meisten Augenbrauen hochgehen. Die Kletterpflanzen sollten nicht gerade, sondern leicht schräg eingesetzt werden, mit der Pflanze zur Wand hin geneigt. Setzen Sie die Pflanze schräg zur Wand oder zum Zaun hinein. Klingt kontraintuitiv, macht aber biologisch absolut Sinn: Die Triebe beginnen sofort in die richtige Richtung zu wachsen, statt erst mühsam umgelenkt werden zu müssen. Wer schon einmal eine Clematis an ein Spalier gebunden hat, das einen halben Meter entfernt steht, weiß, wie widerspenstig frische Triebe sind.
Für die Clematis, eine der beliebtesten Kletterpflanzen überhaupt, gilt noch ein weiterer Trick. Den Wurzelhals 5 bis 20 Zentimeter tiefer einpflanzen als im Topf. Das schützt vor Frost und fördert neue Triebe. Gut einschlämmen, also kräftig angießen, damit keine Hohlräume im Boden bleiben. Das “Einschlämmen” direkt nach dem Pflanzen gehört zum Ablauf dazu. So viel wässern, bis die Erde nichts mehr aufnehmen kann. Dabei werden alle Hohlräume geschlossen und das Wasser dringt bis unter den Wurzelballen vor. Die Wurzeln erhalten so einen guten Bodenschluss, also ausreichend Kontakt mit allen Erdpartikeln.
Die ersten Wochen entscheiden alles
Gut gepflanzt ist erst die halbe Miete. Kletterpflanzen haben eine große Blattfläche und verdunsten darüber schnell große Mengen Wasser. Gieße sie nach dem Einpflanzen in regelmäßigen Abständen, vorerst öfter, an heißen Tagen ruhig auch mal morgens und abends. Dies gilt vor allem für Kübelpflanzen.
Der Wurzelbereich verdient außerdem Schutz. Nach dem Einpflanzen ist es zu empfehlen, den Wurzelbereich mit einer dünnen Schicht aus Rindenkompost oder Laub abzudecken. Das hält Feuchtigkeit, reguliert die Temperatur und gibt nützlichen Bodenorganismen ein Zuhause. Eine Mulchschicht, die nach dem Pflanzen aufgetragen wird, kostet fünf Minuten Aufwand und spart durch den geringeren Gießbedarf im Sommer Stunden.
Beim Düngen gilt die Devise: Die erste Düngergabe erfolgt im Frühjahr, wenn die Kletterpflanzen aus ihrem Winterschlaf erwachen. Mitte März bis Anfang April ist dafür meist der perfekte Zeitpunkt. In dieser Phase benötigen die Pflanzen vor allem Stickstoff, um kräftig durchzustarten und ein üppiges Blattwerk zu entwickeln. Hornspäne sind ein langsam wirkender organischer Stickstoffdünger. Sie geben ihre Nährstoffe über einen längeren Zeitraum ab, ideal für Kletterpflanzen, die einen konstanten Nährstoffnachschub benötigen.
Rankhilfe, Wässern, Düngen. Drei Dinge, die jeder kennt. Aber die wirkliche Magie passiert davor, beim Tauchen des Ballens, beim Auflockern der Wurzeln, beim schrägen Einsetzen. Die Nachbarn fragen sich jetzt, was mein Geheimnis ist. Vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass die beste Pflege die ist, die man in den ersten Minuten leistet, bevor man auch nur eine Handvoll Erde zurückschaufelt. Was würde wohl aus deinem Garten, wenn du jede Pflanze so behandelst wie die erste, bei der du wirklich aufgepasst hast?
Sources : hegemann-kwh.de | samen.de