Eine Tomate liegt flach im Dreck. Der Trieb zeigt zur Seite, die Spitze schaut kaum über die Erde hinaus. Wer das zum ersten Mal sieht, glaubt an einen Fehler. In Wirklichkeit schaut man gerade dem erfahrensten Trick im Tomatengarten zu.
Die sogenannte liegende oder waagerechte Pflanzung ist unter professionellen Gemüsegärtnern längst keine Geheimwissenschaft mehr, im Hobbybereich aber immer noch ein kleines Wunder, das Staunen auslöst. Das Prinzip ist simpel, die Wirkung dramatisch: Wer eine Tomatenpflanze nicht aufrecht, sondern flach in eine Rinne legt, erntet am Ende mehr, kräftigere, und deutlich widerstandsfähigere Pflanzen.
Das Wichtigste
- Tomaten können aus jedem Punkt des Stängels Wurzeln austreiben – eine Fähigkeit, die andere Gemüsepflanzen nicht haben
- Die liegende Pflanzung verwandelt einen schwachen Stängel in ein ausgedehntes Wurzelnetz mit dramatischen Folgen für den Ertrag
- Sogar vergeeilte, lange Jungpflanzen vom Fensterbrett werden durch diese Methode zu stabilen, widerstandsfähigen Pflanzen
Was an Tomatenstängeln so besonders ist
Tomaten bilden sogenannte Adventivwurzeln, also Wurzeln, die aus Nicht-Wurzel-Gewebe entstehen. Sie können an jedem Punkt des Stängels neue Wurzeln austreiben, sobald dieser mit Erde in Kontakt kommt. Das macht die Tomate einzigartig unter den Gemüsepflanzen. Paprika, Kohl oder Möhren reagieren auf vergrabene Stängel bestenfalls mit Gleichgültigkeit, schlimmstenfalls mit Fäulnis. Die Tomate hingegen nutzt jede eingegrabene Strecke, um sich ein breites Wurzelnetz aufzubauen.
Ein 25 Zentimeter hoher Setzling, der in eine flache Rinne gelegt wird, bringt schnell 20 Zentimeter oder mehr Stängel in direkten Erdkontakt. Entlang dieser Strecke bilden sich adventive Wurzeln, also zusätzliche Wurzeln, die nicht aus der ursprünglichen Wurzelzone stammen. Das Ergebnis ist ein breites, verzweigtes Wurzelsystem statt eines einzigen “Wurzelpfahls”.
Man stelle sich das so vor: Ein normaler Setzling steckt wie ein Dübel im Boden. Die liegende Methode verwandelt diesen Dübel in ein flaches Netz, das sich über eine viel größere Fläche erstreckt. Das sorgt für mehr Halt und vor allem für mehr Fläche, auf der Wasser und Nährstoffe aufgenommen werden können.
Die L-Rinne: So funktioniert die Technik
Professionelle Gemüsebauern nutzen seit Langem eine sogenannte L-Rinne, um Tomaten liegend zu pflanzen. Der Name beschreibt gut, wie die Pflanzgrube aussieht: Man wartet, bis die Jungpflanzen etwa 20 bis 30 Zentimeter hoch sind, und zieht dann eine Rinne von rund 10 bis 15 Zentimetern Tiefe, die am Pflanzende senkrecht nach unten etwas tiefer ausgehoben wird.
Die unteren Blätter der Tomate werden entfernt, ungefähr am unteren Drittel des Stängels. Die Pflanze wird vorsichtig in die Rinne gelegt, sodass Wurzelballen und nackter Stängel waagerecht liegen. Das Stängelende wird im kurzen senkrechten Teil der Rinne nach oben geführt, der Wipfel zeigt über der Erde nach oben.
Was dann passiert, braucht keinerlei menschliches Zutun. Der natürliche Drang zum Licht sorgt dafür, dass der Haupttrieb sauber nach oben wächst, während sich im Boden entlang der ganzen eingegrabenen Strecke neue Wurzeln bilden. Nach wenigen Tagen richtet sich die Pflanze von selbst auf. Den Stützstab sollte man direkt am Pflanztag setzen, um später keine Wurzeln zu verletzen. Je früher der Stab im Boden steckt, desto geringer die Gefahr, das neue Wurzelgeflecht zu beschädigen.
Vergeilte Pflanzen? Kein Problem mehr
Wer Tomatenpflanzen auf der Fensterbank oder unter unzureichendem Licht vorgezogen hat, kennt das Ergebnis: lange, dünne Triebe, die kaum stehen können. Die häufigste Ursache für dünne, lange Stiele ist der sogenannte Geilwuchs. Er tritt auf, wenn die Pflanzen nicht ausreichend Sonnenlicht erhalten und schneller nach oben wachsen, um der Sonne näher zu sein.
Genau für diese Kandidaten ist die liegende Pflanzung das perfekte Mittel. Lange, dünne, vergeilte Triebe vom Fensterbrett werden im Beet durch die liegende Pflanzung wieder stabil. Ausgerechnet die zu langen, wackeligen Jungpflanzen, die viele schon fast abschreiben, werden im Beet zu robusten Leistungsträgern.
Darüber hinaus spielt die Methode ihre Stärken auch im schweren Boden aus. In verdichteten, lehmigen Böden breiten sich horizontale Wurzeln leichter aus als ein einzelner Tiefwurzler. Wer einen lehmigen Gartenboden hat und bisher frustriert war, weil seine Tomaten kämpften, sollte diese Technik ernsthaft ausprobieren.
Noch ein Detail, das die Logik vervollständigt: Das waagerechte Einpflanzen platziert die Pflanze in der oberen Erdschicht. Dort sind die reichsten Nährstoffe zu finden, und die wärmere Erde beschleunigt das Pflanzenwachstum. Wer in einer kühleren Region gärtnert und auf wärmeren Frühling wartet, gibt seinen Tomaten mit dieser Technik einen echten Vorsprung.
Was man unbedingt beachten muss
Eine Einschränkung gibt es, die man kennen sollte. Bei veredelten Tomaten sitzt die Veredlungsstelle über dem Wurzelballen. Liegt diese Zone unter der Erde, bildet der obere Teil eigene Wurzeln, und die positiven Effekte der Veredlung gehen verloren. Bei veredelten Pflanzen muss die Veredlungsstelle strikt über Bodenhöhe bleiben. Hier bleibt die klassische, eher senkrechte Pflanzung die sicherere Variante. Ein kurzer Blick auf den Stängel vor dem Einpflanzen reicht aus, um die kleine Verdickung oder Narbe der Veredelungsstelle zu erkennen.
Wer die Methode im Kübel oder Hochbeet anwenden möchte, kann das durchaus. Die Technik lässt sich in größeren Kübeln oder tiefen Pflanzkästen anwenden. Wichtig ist ein ausreichend hohes Gefäß, damit sowohl die liegende Stängelzone als auch der senkrechte Abschnitt Platz finden. Im Topf spielt eine durchlässige, nährstoffreiche Erde eine noch größere Rolle, da das Wurzelvolumen begrenzt ist.
Für den langfristigen Ertrag sind besonders bestimmte Sorten geeignet. Ideal eignen sich wuchsfreudige, langtragende Sorten. Diese sogenannten unbestimmten Typen bilden über Monate immer neue Blüten- und Fruchtstände und können das größere Wurzelpotenzial am besten nutzen.
Die zusätzliche Wurzelmasse zeigt sich schnell an der gesamten Pflanze: Tomaten, die im Liegen gestartet sind, vertragen Hitzewellen, Trockenphasen und Wind deutlich gelassener. Wer in diesem Sommer zum ersten Mal eine Tomate hinlegt, bevor er sie einpflanzt, wird sich beim Anblick der kräftigen Pflanzen im Juli fragen, warum er das nicht schon viel früher getan hat. Ob dann auch die Nachbarn neidisch über den Gartenzaun schauen, ist natürlich eine andere Frage.
Sources : hausaerztin-wolf.de | kehler-angelshop.de