Das “Unkraut” auf meinem Balkon war die ganze Zeit ein Superfood – und ich habe es jahrelang weggeworfen

Jedes Jahr dasselbe Ritual: Kaum war die Erde im Balkonkasten aufgetaut, tauchten sie auf. Diese fleischigen, niedrig kriechenden Pflänzchen mit den rötlichen Stängeln, die sich zwischen Pelargonien und Lavendel drängten. Raus damit. Immer wieder. Bis zu jenem Augustnachmittag, als ich mit staubtrockenen Fingern in der Balkonsonne saß und das angebliche „Unkraut” nicht nur überlebt hatte, sondern prächtig gedieh, während die teuer gekaufte Bepflanzung daneben lechzte. Da fing ich endlich an zu schauen, was das eigentlich ist, das ich da so hartnäckig verfolgte.

Die Antwort: Portulak (Portulaca oleracea), auf Deutsch auch Burzelkraut genannt. Eine Pflanze, die seit Jahrhunderten als Gemüse und Heilkraut geschätzt wurde, bevor wir sie kurzerhand zum Störenfried deklassierten.

Das Wichtigste

  • Eine Pflanze, die du wahrscheinlich jedes Jahr wegwirfst, war einmal eine Delikatesse in europäischen Küchengärten
  • Sie überlebt, wo andere Balkonpflanzen verdorren – aber warum verschwand sie aus unserer Wahrnehmung?
  • Portulak produziert bis zu 200.000 Samen pro Pflanze: Das ist nicht Verschwendung, das ist evolutionäre Genialität

Ein Überlebenskünstler, der keiner Einladung braucht

Portulak gehört zu den Pflanzenarten, die ursprünglich in trockenen, heißen Regionen beheimatet waren und dort ihr Überleben durch Strategien gegen Wasser- und Nährstoffmangel und extreme Hitze sichern mussten. Das erklärt das Paradox, das sich auf meinem Balkon jedes Jahr abspielte: Die Pflanze, die ich rausriss, war genau diejenige, die am wenigsten Pflege brauchte. Er verliert bei Hitze im Vergleich zu anderen Pflanzen wenig Wasser, das erklärt seine enorme Widerstandsfähigkeit.

Sein Ausbreitungserfolg hat eine schlichte Erklärung. Portulak ist ein Lichtkeimer: Bei Temperaturen von knapp über 20 Grad Celsius benötigt er maximal zehn Tage für die Keimung. Bereits nach sechs Wochen kann es zur Blüte kommen. Wer im Frühjahr die Erde im Balkonkasten auflockert, schafft buchstäblich perfekte Startbedingungen. Man lädt ihn ein, ohne es zu wissen.

Schon im sehr jungen Alter von knapp zwei Monaten trägt er bereits erste Samen in rauen Mengen. Bis zu 200.000 Samen produziert ein einziges Exemplar im Laufe seiner Lebensdauer. Das ist keine Übertreibung, das ist evolutionäre Effizienz. Zum Vergleich: Ein Mohnblümchen bringt es auf etwa 17.000 Samen. Portulak ist die Mohnblume, die sich für einen Marathon trainiert hat.

Was man da die ganze Zeit weggeworfen hat

Als Nahrungspflanze ist Portulak außergewöhnlich wertvoll: er enthält mehr Omega-3-Fettsäuren als viele Fischsorten und ist reich an Vitaminen und Mineralstoffen. Das ist der Moment, wo einem das Jäten ein bisschen wehtut rückwirkend. Die Pflanze enthält wertvolle Nährstoffe wie Vitamin C, Omega-3-Fettsäuren und Mineralstoffe und ist damit eine gesunde Bereicherung für die Küche.

Neben der Verwendung in Salaten und Suppen kann man Portulak auch als Pesto, in Smoothies oder als würzige Zutat für Aufstriche und Dips verwenden. Die fleischigen Blätter haben einen leicht säuerlichen, erfrischenden Geschmack, der hervorragend zu Tomaten passt. In der französischen Küche ist er als „pourpier” seit Jahrhunderten bekannt, in der persischen Küche gilt er als Selbstverständlichkeit. Nur hier bei uns wurde er zur Unkrautliste degradiert.

Die Wahrnehmung als ‘Unkraut’ stammt meist von seiner Fähigkeit, spontan überall zu wachsen. Das ist, wenn man darüber nachdenkt, eine ziemlich ironische Begründung. Wir meiden Portulak, weil er zu gut wächst.

Der Boden profitiert, auch wenn man nichts erntet

Wer den Portulak partout nicht essen möchte, kann ihn trotzdem mit anderen Augen sehen. Da Portulak flach wächst und den Boden bedeckt, hilft er dabei, die Feuchtigkeit im Boden zu bewahren und das Austrocknen zu verhindern. Dies macht ihn besonders in Zeiten zunehmender Trockenperioden interessant. Wer im August schon mal in einen Balkonkasten gegriffen hat und das Substrat so trocken wie Strandsand vorfand, weiß, wie kostbar jede Restfeuchte ist.

Zudem unterdrückt er Unkrautwachstum, da seine dichte Blattstruktur anderen Pflanzen wenig Platz zum Wachsen lässt. Ein weiterer Vorteil ist, dass Portulak Bienen und anderen Bestäubern Nahrung bietet. Die kleinen gelben Blüten ziehen eine Vielzahl von Insekten an, was zur Förderung der Biodiversität beiträgt. Ein unscheinbares Gewächs, das gleich auf mehreren Ebenen arbeitet, während man es bekämpft.

Ökologisch leistet er wichtige Dienste als Bodenschutz, Insektennahrung und Pionierpflanze. Gerade in Balkonkästen, wo die Erde sich im Hochsommer schnell erhitzt, ist das keine Kleinigkeit.

Und wenn man ihn bewusst kultivieren möchte?

Wer den Portulak nicht mehr zufällig vorfindet, sondern ihn gezielt anbauen will, sollte zwischen zwei Varianten unterscheiden: dem Gemüse-Portulak (Portulaca oleracea), der essbar, aber optisch unspektakulär ist, und dem Portulakröschen (Portulaca grandiflora). Portulakröschen und gewöhnlicher Portulak gehören zwar zur selben Gattung, unterscheiden sich aber erheblich in Verwendung und Eigenschaften. Portulakröschen sind reine Zierpflanzen mit großen, farbenprächtigen Blüten in Rosa, Rot, Gelb und Weiß, die als Balkon- und Gartenschmuck kultiviert werden. Gewöhnlicher Portulak ist hingegen eine traditionelle Gemüse- und Heilpflanze mit kleinen, unauffälligen gelben Blüten.

Für Balkongärtner sind Portulakröschen eine dankbare Wahl. Sie sind genügsam und hitzetolerant, was sie zu idealen Kandidaten für sonnenreiche Balkone macht. Selbst wenn man das Gießen mal vergisst, nehmen sie es einem nicht übel, ihre wasserspeichernden Blätter gleichen kurze Trockenperioden mühelos aus.

Pflegerisch ist die Sache simpel: Portulak ist sehr genügsam und benötigt nur wenig Wasser. Gießen sollte man die Pflanze nur bei längerer Trockenheit. Dabei ist darauf zu achten, dass der Boden nicht zu feucht ist, um Staunässe zu vermeiden. Auf eine Düngung vor der Aussaat kann verzichtet werden, da Portulakröschen nährstoffarme Böden bevorzugen. Wer also bisher viel Aufwand in seinen Balkonkasten gesteckt hat und am Ende trotzdem mit hängenden Köpfen dastand, darf sich fragen: Vielleicht war das Problem nicht die mangelnde Pflege, sondern die falsche Pflanze.

Natürlich gibt es einen Haken. Aufgrund seiner explosionsartigen Verbreitung und seiner Art, andere Pflanzen zu vertreiben, ist eine rechtzeitige Kontrolle des Krauts ratsam. Wer Portulak neben empfindlicheren Gewächsen kultiviert, sollte regelmäßig eingreifen, bevor er das Gleichgewicht im Kasten kippt. Problematisch wird er nur durch seine starke Ausbreitungstendenz, die jedoch mit einfachen Methoden kontrollierbar ist.

Was mich am meisten beschäftigt: Portulak war jahrzehntelang fester Bestandteil europäischer Küchengärten, bevor er aus der Mode kam. Und jetzt, wo Hitzesommer und Trockenperioden zur neuen Normalität auf deutschen Balkonen werden, kehrt er zurück, ob man will oder nicht. Vielleicht lautet die eigentliche Frage also nicht, wie man ihn loswird, sondern was er uns über unsere Beziehung zu den Pflanzen verrät, die wir nie wirklich eingeladen haben und die trotzdem geblieben sind.

Leave a Comment