Ein Kompost ist eigentlich ein friedlicher Ort. Küchenreste, Rasenschnitt, herbstliches Laub – alles verrottet vor sich hin und wird zu wertvoller Erde. Genau deshalb schien es im Herbst völlig logisch, das braun gefleckte Kartoffelkraut einfach dazuzuwerfen. Es war ja Grünzeug, oder? Im Mai stand ich dann vor meinen jungen Tomatenpflanzen, die plötzlich graugrüne Flecken auf den unteren Blättern zeigten, und begriff: Der Kompost hatte über den Winter Erde produziert. Außerdem einen Krankheitserreger am Leben gehalten.
Das Wichtigste
- Ein einzelnes Blatt infiziertes Kartoffelkraut kann einen ganzen Garten in Gefahr bringen – aber warum?
- Der Pilz, der einst Irland in die Hungersnot trieb, überwintert unbemerkt im heimischen Kompost
- Einfache Maßnahmen können die Katastrophe des Vorjahres verhindern – Spoiler: Es geht um mehr als nur den Kompost
Ein Pilz mit historischer Berühmtheit
Was sich in meinem Beet ausgebreitet hatte, war kein exotisches Phänomen, sondern einer der bekanntesten Schaderreger im Gemüsegarten überhaupt. Die lästige Pilzkrankheit wird von dem Schädlingspilz Phytophthora infestans ausgelöst und ist an Tomaten als Kraut- und Braunfäule, an Kartoffeln als Kraut- und Knollenfäule, bekannt. Der Name klingt sperrig, die Wirkung ist es nicht: Traurige Berühmtheit erlangte die Kartoffelfäule in den 1840er Jahren in Irland, als sie für weitläufige Missernten und dadurch verursachte Hungersnöte sorgte. Ein Erreger, der einst eine ganze Insel in die Krise stürzte, lässt sich von einem deutschen Vorstadtgarten natürlich nicht beeindrucken.
Typisch für den Befall sind unregelmäßige Flecken, die sich schnell verfärben: Blätter und Stängel von Kartoffeln und Tomaten weisen graugrüne bis bräunliche Flecken auf, Blätter vertrocknen vom Rand her oder gehen in Fäulnis über. Bei den Kartoffeln selbst bleibt es nicht beim Laub: An den Knollen der Kartoffeln zeigen sich graue, leicht eingesunkene Flecken sowie im Innern braune Faulstellen. Genau diese unscheinbaren Flecken auf dem Kraut, die ich achtlos auf den Haufen geworfen hatte, waren der Anfang vom Ende meiner Tomatensaison.
Warum der Komposthaufen zur Zeitbombe wird
Der eigentliche Denkfehler liegt in der Biologie des Erregers. Phytophthora infestans stirbt nicht einfach ab, wenn die Pflanze verwelkt. Der Pilz überwintert zumeist in Kartoffelknollen, die beispielsweise bei der Ernte in der Erde, im Kompost oder im Abfallhaufen verblieben sind. Doch auch ohne Knollen findet er Wege zu überdauern: Das Myzel überwintert an Pflanzenrückständen, teilweise werden auch Oosporen in harten Kapseln ausgebildet, die im Boden oder an den Stäben jahrelang überdauern.
Diese Dauersporen sind erstaunlich widerstandsfähig. In abgestorbenen Blättern, Stängeln und Früchten bildet der Erreger Dauersporen, die Frost und Trockenheit überstehen, auch in infizierten Kartoffelknollen, die im Boden verbleiben, kann er überwintern. Ein normaler Gartenkompost, der selten mehr als lauwarm wird, bietet da geradezu ideale Bedingungen. Komposthaufen, in denen infiziertes Material entsorgt wurde, bieten ideale Überwinterungsbedingungen. Sobald im Frühjahr die Temperaturen steigen und der erste Regen fällt, keimen die Sporen wieder aus – und landen dank Wind, Spritzwasser oder der ausgebrachten Komposterde direkt bei den neuen Nachtschattengewächsen.
Interessant ist allerdings, dass nicht jede Quelle das Thema gleich dramatisch sieht. Manche Experten weisen darauf hin, dass der Pilz zwar überwinterungsfähige Dauersporen ausbilden kann, diese für ein funktionierendes Kompostierungssystem aber in der Regel kein Problem darstellen, weil die durch Abbauprozesse freigesetzte Wärme die Dauersporen unschädlich macht. Das stimmt – allerdings nur bei einem Kompost, der tatsächlich heiß rottet, also über Wochen konstant 50 bis 60 Grad erreicht. Der durchschnittliche Haufen im Reihenhausgarten, der eher gemütlich vor sich hin modert, schafft diese Temperaturen selten zuverlässig. Wer nicht hundertprozentig sicher ist, wie heiß sein Kompost wirklich wird, fährt mit der vorsichtigen Variante besser.
Was jetzt zu tun ist – und was beim nächsten Mal anders läuft
Die gute Nachricht: Ein einziger verpatzter Herbst bedeutet nicht, dass der Garten auf Jahre verseucht bleibt. Die konsequente Reaktion sieht so aus: Bei einem Befall mit der Kraut- und Braunfäule sollten zunächst alle betroffenen Pflanzenteile vollständig entfernt und im Restmüll entsorgt werden, nicht auf dem Kompost, denn die Erreger können dort überwintern und im nächsten Frühling einen erneuten Befall auslösen. Auch bei Kübelpflanzen lohnt ein zweiter Blick: Die Pflanzerde aus Kübeln oder Balkonkästen sollte nicht erneut für Tomaten verwendet werden, kann aber für andere Pflanzen genutzt werden, die sich nicht mit dem Pilz infizieren können.
Wer schon einmal betroffen war, sollte auch das restliche Beet im Blick behalten. Zurückgebliebene Knollen sind fast so gefährlich wie das kranke Laub selbst: Auf “wilde Kartoffeln” im Sinne von auswachsenden Knollen auf dem Kompost oder auf übersehene Winterknollen im Boden ist ebenfalls zu achten, diese sollten im Garten konsequent entfernt werden, da sie ein bereits frühzeitiges Infektionspotential darstellen. Selbst die unscheinbaren Holzstäbe, an denen die Tomaten hochranken, sind keine neutrale Angelegenheit: Die bei Tomaten zum Einsatz kommenden Stützpfähle sind ebenfalls eine potenzielle Infektionsquelle, da der Erreger hier durchaus überwintern kann, die Stäbe sollten vor dem Gebrauch gründlich gereinigt werden, zum Beispiel mit kochendem Wasser.
Für die kommende Saison hilft vor allem räumliche und zeitliche Distanz zum Vorjahresproblem. Feuchtigkeit ist der beste Freund des Pilzes, deshalb lohnt sich ein Blick auf die Gießgewohnheiten: Pflanzen sollten an der Basis statt von oben gegossen werden, am besten morgens, damit das Wasser tagsüber verdunsten kann, und eine gute Luftzirkulation hält die Blätter trocken und verringert das Infektionsrisiko. Auch ein Wechsel der Anbaufläche zahlt sich aus, denn Phytophthora infestans kann im Boden überwintern – wer Tomaten und Kartoffeln also nicht jedes Jahr am gleichen Fleck pflanzt, entzieht dem Pilz einen Teil seiner Ausgangsbasis.
Mein Komposthaufen bekommt inzwischen nur noch gesundes Grün, das kranke Kraut wandert in die braune Tonne. Eine kleine Umstellung, die aber zeigt, wie viel Gartenwissen sich erst durch einen Fehler wirklich einprägt. Vielleicht ist genau das der unterschätzte Wert jeder verpatzten Saison: Sie lehrt genauer hinzusehen, bevor man im nächsten Herbst wieder achtlos den Spaten in die Hand nimmt.
Sources : isip.de | pflanzen-koelle.de