Drei Jahre lang habe ich meine Tomatenpflanzen mit Fungiziden besprüht, sobald die ersten schwarzen Flecken am unteren Ende der Früchte auftauchten. Ich war überzeugt: Das ist ein Pilz, den muss ich bekämpfen, bevor er die ganze Ernte vernichtet. Ein Gärtnermeister auf dem Wochenmarkt hat mir dann in fünf Minuten erklärt, warum ich all die Zeit am völlig falschen Hebel gezogen habe.
Was ich für einen aggressiven Pilzbefall hielt, war in Wirklichkeit gar kein Krankheitserreger. Blütenendfäule ist weder ein Schädlings- noch ein Pilzbefall und auch keine Krankheit, sondern eine Stoffwechselstörung, ausgelöst durch Calciummangel. Kein Fungizid der Welt kann daran etwas ändern, ganz gleich wie oft man spritzt.
Das Wichtigste
- Ein häufiger Gärtnertrick: Warum viele das Problem an der falschen Stelle suchen
- Die Details, die den Unterschied zwischen Pilz und Calciummangel ausmachen
- Eine einfache Routine, mit der schwarze Flecken endlich verschwinden
Der Trugschluss, der so viele Hobbygärtner erwischt
Das Tückische an dieser Verwechslung: Das Schadbild sieht wirklich nach Pilz aus. Das Schadbild der Blütenendfäule bei Tomaten lässt eine Pilzinfektion vermuten. Dunkle, eingesunkene Flecken, die sich vergrößern und irgendwann hart und ledrig werden, das erinnert an Braunfäule oder Grauschimmel. Kein Wunder, dass ich reflexartig zum Spritzmittel gegriffen habe.
Dabei liegt der Unterschied genau in der Herkunft der Flecken. Typische Symptome für die Blütenendfäule sind die braunen oder schwarzen Punkte am Fruchtansatz der Tomate, wo sich genau gegenüber vom Fruchtstiel faulige Stellen bilden. Ein Pilz wie die Kraut- und Braunfäule dagegen zeigt sich meist zuerst an den Blättern, mit einem grauen Sporenrasen auf der Unterseite, bevor die Früchte überhaupt betroffen sind. Genau dieses Detail hatte ich nie wirklich beachtet. Ich hatte nur auf die Frucht geschaut, nicht auf die Blätter.
Warum Kalzium der eigentliche Übeltäter ist
Kalzium ist für Tomatenpflanzen so etwas wie das Skelett auf Zellebene. Der Mineralstoff Kalzium ist essenziell für den Aufbau der Zellmembranen und damit der Struktur der Früchte und Blätter. Fehlt er, kollabiert das Gewebe genau dort, wo der Bedarf am größten ist, an der Fruchtspitze.
Der Gärtnermeister erklärte mir etwas, das mich wirklich überrascht hat: Selten liegt es überhaupt am Boden selbst. Die Gründe für einen Calciummangel sind sehr unterschiedlich, meistens liegt es allerdings nicht an fehlenden Nährstoffen im Boden, sondern an der Fähigkeit der Pflanzen, diese über das Wasser aufzunehmen. Kalzium wandert nämlich nicht von selbst durch die Pflanze, es reist im Wasserstrom. Da Calcium mit dem Wasserstrom in den Pflanzen transportiert wird, sorgt die Transpiration dafür, dass das Calcium schnell nach oben transportiert wird. Wer also unregelmäßig gießt, mal drei Tage vertrocknen lässt und dann eine Flutwelle nachschüttet, sabotiert diesen Transport zuverlässiger als jeder tatsächliche Nährstoffmangel im Boden.
Besonders anfällig sind ausgerechnet die Sorten, auf die viele Hobbygärtner am stolzesten sind. Die Blütenendfäule zählt zu den häufigsten Erkrankungen von schnell wachsenden Gemüsepflanzen, zu denen neben der Tomate auch die Paprika und die Zucchini gehören. Ein gehäuftes Schadbild wird bei schnell wachsenden Sorten mit sehr großen Früchten deutlich, besonders oft betroffen sind Fleischtomaten oder Ochsenherztomaten, die einen erhöhten Nährstoffbedarf besitzen und schnell wachsen. Meine Ochsenherz-Tomaten, mein ganzer Stolz im Garten, waren also von Natur aus die Ersten auf der Liste.
So unterscheide ich die beiden heute
Der entscheidende Blick geht mittlerweile immer erst zu den Blättern, dann zur Frucht. Bei echtem Pilzbefall wie der Kraut- und Braunfäule beginnt alles unten an der Pflanze mit unregelmäßigen, grau-braunen Flecken, oft begleitet von einem weißlichen Belag auf der Blattunterseite. Darüber hinaus ist an der Blattunterseite oftmals ein weißer Flaum zu erkennen, der gemeinhin auch als Pilzrasen bekannt ist. Bei Blütenendfäule dagegen bleiben die Blätter meist gesund, während sich das Drama exakt am Blütenansatz der Frucht abspielt.
Ein zweites Merkmal, das mir der Gärtnermeister zeigte: Blütenendfäule springt nicht von Pflanze zu Pflanze. Die Blütenendfäule betrifft immer nur einzelne Tomaten und nicht die komplette Pflanze. Ein echter Pilz breitet sich dagegen aus, befällt Nachbarpflanzen, wandert von Blatt zu Blatt. Wenn also nur einzelne Früchte betroffen sind und der Rest der Staude kerngesund aussieht, ist ein Fungizid schlicht die falsche Antwort.
Die gute Nachricht dabei: Die befallenen Früchte muss man nicht zwingend wegwerfen. Da die Blütenendfäule nicht von Bakterien oder Pilzen verursacht wird, kann man diese Tomaten prinzipiell mit ruhigem Gewissen essen. Man schneidet die betroffene Stelle großzügig heraus, der Rest der Tomate bleibt völlig unproblematisch.
Was tatsächlich hilft, statt weiter zu spritzen
Seit ich weiß, woran ich wirklich arbeiten muss, hat sich meine Routine komplett verändert. Wasser gehört jetzt regelmäßig und in gleichmäßigen Mengen auf den Boden, nicht nach dem Prinzip Feuerwehreinsatz. Frühes Handeln verhindert ein Voranschreiten der Krankheit und eine Minimierung des Ernteertrages. Ein paar Maßnahmen, die sich bei mir bewährt haben:
- Gleichmäßig und lieber öfter mit kleineren Mengen gießen statt selten mit viel Wasser
- Eine Mulchschicht auf dem Beet, damit der Boden nicht so schnell austrocknet
- Kalziumhaltigen Dünger oder Algenkalk bei den ersten Anzeichen einsetzen
- Betroffene Früchte konsequent entfernen, damit die Pflanze ihre Kraft in gesunde Tomaten steckt
In fester Form können Algenkalk oder Gesteinsmehle zur Vorbeugung und Bekämpfung angewendet werden, einfach um die Tomaten streuen und vorsichtig einwässern. Wer im Gewächshaus anbaut, sollte zusätzlich auf die Luftfeuchtigkeit achten, da diese die Kalziumaufnahme beeinflusst.
Ich frage mich seitdem, wie oft ich in meinem Garten wohl noch das falsche Problem bekämpft habe, ohne es zu merken. Vielleicht lohnt es sich, beim nächsten verdächtigen Fleck erst einmal genau hinzuschauen, bevor man zur Chemie greift, denn manchmal ist die Lösung nicht im Spritzmittelregal, sondern in der Gießkanne.
Sources : krautundrueben.de | tomaten.de