Mein Großvater stellte Ende August immer eine flache Schale ans hintere Ende des Gartens: Ich habe jahrelang gelacht, bevor ich verstanden habe, warum er recht hatte

Ende August stand sie wieder da: eine unscheinbare Tonschale, flach wie ein Suppenteller, ein paar Meter vom Terrassentisch entfernt am Zaun. Mein Großvater füllte sie jeden Morgen mit frischem Wasser, legte Steine hinein und sagte nur: “Das brauchen sie jetzt.” Ich habe das jahrelang für eine Marotte gehalten. Eine alte Gewohnheit, vielleicht ein Aberglaube, den man einem Rentner mit zu viel Zeit im Garten nachsieht. Bis ich selbst einen Garten hatte und merkte: Er hatte recht. Und zwar aus mehreren Gründen gleichzeitig.

Das Wichtigste

  • Ein rätselhafter Gartentrick aus Großvaters Zeit offenbart sich als wissenschaftlich fundiert
  • Die Positionierung und Details der Wasserschale sind entscheidend — aber kaum jemand kennt die Regeln
  • Was passiert wirklich in unserem Garten zwischen Mitte August und Mitte September?

Warum ausgerechnet Ende August?

Die Antwort liegt im Kalender der Insekten, nicht in unserem. Spätsommer ist Wespenzeit, aber nicht aus Zufall. Zwischen Mitte August und Mitte September erreicht ein Hornissenvolk seinen Entwicklungshöhepunkt. Bei den gewöhnlichen Wespenarten läuft es ähnlich: Die Völker sind auf ihrer maximalen Größe, die Arbeiterinnen schwärmen aus, und plötzlich sitzt eine ganze Delegation auf dem Kuchen. Gleichzeitig wird es draußen knapper. Wenn die Temperaturen im Sommer über 30 Grad steigen und wochenlang kaum Regen fällt, geraten nicht nur Pflanzen unter Stress. Auch Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, Käfer und viele andere Insekten finden immer seltener natürliche Wasserstellen. Pfützen trocknen aus, kleine Bachläufe führen weniger Wasser und Blüten enthalten deutlich weniger Feuchtigkeit. Mein Großvater kannte diese Mechanik nicht in Fachbegriffen. Er hatte sie einfach fünfzig Jahre lang beobachtet.

Der Trick mit der Schale funktioniert dabei gleich doppelt. Erstens: Wasser lenkt ab. Eine Gärtnerin, die ihre Erfahrungen online teilt, beschreibt genau das Phänomen, das auch am Familientisch meines Großvaters zu beobachten war: Durch das Aufstellen der Bienentränken habe ich den Eindruck, dass wir weniger Wespenbesuch am Tisch haben. Zweitens, und das ist der Teil, den ich als Kind völlig übersehen habe: Es geht nicht nur um Wespen. Es geht um die stillen Nützlinge, die den ganzen Sommer über unauffällig ihre Arbeit machen, Blüten bestäuben, Blattläuse fressen, und die im Spätsommer plötzlich verdursten könnten, wenn niemand hinschaut.

Mehr als nur Durstlöscher

Was mich am meisten überrascht hat, als ich mich näher damit beschäftigt habe: Wasser ist für viele Insekten kein Luxus, sondern Baumaterial. Für Honigbienen wird Wasser auch zum Kühlen des Bienenstocks an heißen Tagen verwendet. Manche Wildbienen brauchen Wasser zudem, um feuchten Lehm herzustellen, mit dem sie Brutzellen und Nesteingänge abdichten. Und auch die ungeliebten Wespen haben einen praktischen Grund, an der Schale vorbeizuschauen: Hornissen und Wespen nutzen die Flüssigkeit, um durch Verdunstung einen Temperaturausgleich zu erreichen. Eine flache Schale am Ende des Gartens ist also weniger Deko als vielmehr eine kleine Infrastruktur, die im August plötzlich lebensnotwendig wird, wenn Pfützen und Bäche versiegen und die Blütezeit vieler Pflanzen zu Ende geht.

Interessant ist auch, wo mein Großvater die Schale hinstellte: nicht direkt neben die Sitzgruppe, sondern bewusst am hinteren Zaun. Genau das empfehlen Naturschutzverbände heute als Standardregel. Anstatt die Wespen am Tisch zu bekämpfen, sollte man ihnen eine attraktivere Alternative in sicherer Entfernung anbieten, etwa 5 bis 10 Meter entfernt. Wer die Schale zu nah an die Kaffeetafel stellt, lockt die Tiere erst recht dorthin. Am Gartenrand dagegen bleibt der Trubel dort, wo er niemanden stört, und die Wespen finden trotzdem, was sie suchen.

Die Details, die den Unterschied machen

Natürlich reicht es nicht, irgendeinen Teller mit Wasser hinzustellen und zu hoffen. Insekten können nämlich ertrinken, wenn die Wasserstelle nicht durchdacht ist. Damit Insekten nicht ertrinken, sollten in die Wasserschale Steine oder Stöckchen gelegt werden, die teilweise aus dem Wasser ragen und Bienen, Schmetterlingen und anderen Insektenarten sichere Landeplätze bieten. Genau das machte mein Großvater instinktiv richtig: nie eine leere Schale, immer Kieselsteine, die wie kleine Inseln aus dem Wasser ragten.

Wer selbst eine solche Tränke anlegen will, braucht dafür kaum etwas:

  • Eine flache Schale, ein Blumentopfuntersetzer aus Ton oder Keramik reicht völlig
  • Steine, Kies oder kleine Äste, die als Landeplätze aus dem Wasser herausragen
  • Etwas Moos an den Rändern, das zusätzlich Halt bietet
  • Ein windgeschützter, halbschattiger Standort, idealerweise mit etwas Abstand zur Terrasse

Was man dagegen besser lässt: bunte Glasmurmeln als Landehilfe. Ein NABU-Mitarbeiter warnt ausdrücklich davor, denn die glatte Oberfläche bietet den Tieren keinen Halt. Ebenso wichtig, und das habe ich meinen Großvater nie tun sehen, ist die Hygiene. Schalen und Steine sollten gründlich gereinigt und anschließend in der Sonne getrocknet werden, so lässt sich die Bildung von Keimen ebenso vermeiden wie die Vermehrung von Tigermücken in stehendem Wasser. Er hat die Schale schlicht jeden Morgen neu befüllt, was im Grunde denselben Effekt hatte, nur ohne den Fachbegriff dafür zu kennen.

Heute steht bei mir eine ähnliche Schale, jedes Jahr Ende August, am hintersten Zipfel des Gartens. Meine Nachbarin hält mich vermutlich für genauso sonderbar, wie ich meinen Großvater damals hielt. Vielleicht ist das die eigentliche Lektion an dieser Geschichte: Manche Gartentricks brauchen keine Erklärung, um zu funktionieren, sie brauchen nur jemanden, der lange genug hinschaut. Wer weiß, welche anderen unscheinbaren Angewohnheiten aus dem Garten der Großeltern eigentlich stille Wissenschaft waren, die wir erst Jahrzehnte später zu würdigen wissen?

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