Zehn Tage. So lange hat es gedauert, bis aus einem Trieb, den ich sonst achtlos auf den Kompost geworfen habe, eine komplett neue Pflanze mit weißen, fadendünnen Wurzeln geworden ist. Kein Trick, kein Spezialdünger, kein Gewächshaus. Nur ein altes Marmeladenglas, Leitungswasser und ein bisschen Geduld auf der Fensterbank.
Wer Tomaten im eigenen Garten oder auf dem Balkon zieht, kennt das Ritual: Ausgeizen. Zwischen Hauptstamm und Blattachsel schiebt sich bei vielen Sorten unaufhaltsam ein neuer Trieb hervor, der in der Blattachsel wächst und bei Stabtomaten von Juni bis September regelmäßig herausgeknipst werden sollte. Ich habe das jahrelang gemacht, mit einem schlechten Gewissen jedes Mal. Diese kleinen grünen Triebe landeten reflexartig im Biomüll, während ich mich fragte, ob ich der Pflanze nicht gerade wertvolles Wachstumspotenzial wegschneide. Die Antwort kannte ich eigentlich die ganze Zeit, ich hatte sie nur nie ausprobiert.
Das Wichtigste
- Geiztriebe landen normalerweise im Kompost – aber was, wenn sie dort gar nicht hingehören?
- In weniger als zwei Wochen entstehen aus kleinen grünen Trieben komplette Wurzelsysteme
- Der Trick kostet fast nichts und funktioniert so zuverlässig, dass sich manche fragen, warum sie ihn nicht längst kannten
Der Test: Vom Abfall zur zweiten Tomatenpflanze
Die Idee ist nicht neu, wird in Gärtnerkreisen aber erstaunlich selten konsequent genutzt. Ausgegeizte Triebe können, sofern sie gesund sind, zur Vermehrung genutzt werden, denn größere Geiztriebe bewurzeln im Wasserglas oder direkt in feuchter Erde sehr schnell und bilden neue Tomatenpflanzen. Also habe ich beim nächsten Ausgeizdurchgang zwei etwas kräftigere Triebe beiseitegelegt, statt sie zu entsorgen, und einfach ins Wasser gestellt.
Wichtig dabei: Nicht jeder Trieb eignet sich gleich gut. Man sollte etwa 10 bis 15 cm lange Geiztriebe verwenden, kleinere Exemplare verlieren oft zu schnell an Kraft, bevor überhaupt Wurzeln entstehen können. Die unteren Blätter habe ich entfernt, damit sie nicht im Wasser verfaulen, oben ließ ich nur wenige stehen. Das reduziert die Verdunstung und gibt dem Steckling eine echte Chance. Dann kam das Glas auf die helle Fensterbank in der Küche, kein direktes Mittagslicht, aber genug Wärme.
Schon nach drei, vier Tagen zeigten sich am Stängel unter der Wasserlinie erste weiße Pünktchen. Kleine Wurzelansätze. Nichts Spektakuläres, aber ein Beweis dafür, dass da tatsächlich etwas passiert. Nach einer Woche waren daraus richtige Wurzelfäden geworden, verzweigt und mehrere Zentimeter lang. Am zehnten Tag stand im Glas eine Pflanze mit einem dichten Wurzelballen, bereit für den Umzug in die Erde. Diese Beobachtung deckt sich mit dem, was erfahrene Hobbygärtner berichten: Neue Wurzeln zeigen sich oft nach wenigen Tagen bis zwei Wochen. Manche Quellen sprechen sogar von einer einzigen Woche bis zur brauchbaren Bewurzelung, wenn man 10 bis 15 cm lange Geiztriebe ins Wasserglas stellt, bilden sie innerhalb einer Woche Wurzeln und können als neue, vollwertige Tomatenpflanzen in die Erde gesetzt werden.
Warum das mehr ist als nur ein netter Gartentrick
Man könnte jetzt sagen: Na und, eine Tomatenpflanze mehr, was soll’s. Aber rechnen wir kurz nach. Eine durchschnittliche Jungpflanze aus dem Gartencenter kostet je nach Sorte zwischen zwei und fünf Euro. Wer im Laufe eines Sommers zehn, zwanzig Triebe ausgeizt und stattdessen bewurzelt, spart nicht nur Geld, sondern gewinnt genetisch identische Klone seiner Lieblingssorte, ganz ohne Samenziehen, ohne Kreuzungsrisiko, ohne Anzuchtlampe im Februar. Genau das macht die Methode für mich so reizvoll: Man verlängert die Anbausaison quasi kostenlos und kann Pflanzen an Freunde und Nachbarn verschenken, die sonst nie erfahren hätten, dass ihr Kompost eigentlich ein kleines Vermehrungsprogramm war.
Es gibt allerdings einen Haken, über den viele Anleitungen zu leichtfertig hinweggehen. Wurzeln, die im reinen Wasser entstehen, sind weicher und weniger verzweigt als Wurzeln, die sich in Erde gegen einen Widerstand durcharbeiten müssen, denn wenn die Wurzeln direkt im Wasser stehen, brauchen sie nicht lange nach Wasser zu suchen und werden so auch nicht länger, während eine Wurzel in Erde wachsen muss, um ans Wasser zu kommen. Der Umzugsschock beim Einpflanzen lässt sich abmildern, indem man die junge Pflanze in den ersten Tagen vor praller Sonne schützt und die Erde konstant leicht feucht hält, aber niemals nass. Staunässe ist hier tatsächlich der häufigste Anfängerfehler, weil der noch weiche Stängel darauf empfindlich reagiert.
Vom Glas ins Beet: So gelingt der Umzug
Sobald die Wurzeln mehrere Zentimeter lang sind, sollte der Umzug in ein Substrat nicht zu lange herausgezögert werden. Zu lange im Wasser stehende Stecklinge tun sich später schwerer, sich an feste Erde zu gewöhnen. Ein paar Punkte haben sich bei meinem eigenen Versuch als entscheidend herausgestellt:
- Nährstoffreiche, lockere Tomaten- oder Gemüseerde verwenden, da Tomaten zu den Starkzehrern zählen
- Den Steckling tief einpflanzen, bis knapp unter die ersten Blätter, das fördert zusätzliche Stängelwurzeln
- In den ersten Tagen einen halbschattigen Standort wählen, erst danach an mehr Sonne gewöhnen
- Frühzeitig einen dünnen Stab zur Stütze setzen, bevor der Trieb umknickt
Wer früh in der Saison ausgeizt, kann sogar noch mit einer echten Ernte rechnen. Zwischen dem Ausgeizen, anschließendem Bewurzeln und den ersten Tomatenfrüchten liegen rund 2,5 Monate. Wer also im Juni oder Juli einen kräftigen Trieb rettet, hat im September durchaus noch die Chance auf ein paar rote Früchte, spätestens aber im nächsten Jahr eine bereits eingewöhnte, robuste Pflanze zur freien Verfügung.
Ob sich diese Klein-Vermehrung für jeden lohnt, hängt natürlich vom eigenen Platzangebot ab, nicht jeder Balkon verträgt zehn zusätzliche Tomatenstöcke. Aber vielleicht lohnt es sich beim nächsten Ausgeizen trotzdem, wenigstens einen einzigen kräftigen Trieb nicht in den Kompost, sondern in ein Wasserglas zu stellen. Was, wenn genau der die beste Tomate des Sommers hervorbringt?
Sources : youtube.com | chiliforum.hot-pain.de