Jedes Jahr im November das gleiche Bild: Der Nachbar steht mit Pinsel und Eimer vor seinen Obstbäumen, streicht aber nur die Südseite der Stämme weiß. Keine Deko, kein Fimmel für Symmetrie, sondern reine Physik. Was aussieht wie eine halbherzige Bastelaktion, ist tatsächlich gezielter Baumschutz, der genau dort ansetzt, wo die Gefahr am größten ist.
Das Wichtigste
- Warum Wintertemperaturen Obstbäume zum Platzen bringen können
- Die versteckte Gefahr, die Hobbygärtner ständig unterschätzen
- Ein Trick aus drei Zutaten, der deine Bäume rettet
Der Temperaturschock, der Rinde zum Platzen bringt
Winterliche Kälte allein tut Obstbäumen selten weh. Gefährlich wird es erst, wenn Sonne ins Spiel kommt. An klaren, kalten Tagen entsteht im Stamm ein Gefälle, das man kaum für möglich hält: Bei solchen Wetterlagen ist die dunkle Rinde der Bäume starken Temperaturschwankungen ausgesetzt, insbesondere dann, wenn auch noch Schnee liegt. Auf der Südseite des Stammes ist die Temperatur dann wesentlich höher als auf der Nordseite. Der Temperaturunterschied kann 10°C und mehr ausmachen. Zehn Grad Unterschied zwischen zwei Seiten desselben Stammes, das ist mehr, als viele Kühlschränke an Spanne bieten.
Diese Differenz bleibt nicht folgenlos. Dadurch können so starke Spannungen auftreten, dass die Rinde entlang des Stammes (manchmal mit einem hörbaren Knall) aufreißt. Vor allem junge Bäume, die noch keine dicke, gut isolierende Borke ausgebildet haben, sind gefährdet. Ein hörbares Knallen im eigenen Garten, mitten im Winter, ohne dass jemand in der Nähe ist. Genau das ist ein Frostriss, der gerade entsteht. Besonders anfällig sind laut Fachleuten spätfrostempfindliche Bäume mit glatter Rinde wie die Kirsche und die Pflaume. Wer also einen jungen Kirschbaum im Garten stehen hat, sollte spätestens jetzt aufmerksam werden.
Das Tückische an diesen Rissen: Sie bleiben selten folgenlos kosmetisch. Die Spannungsrisse dienen als Eintrittspforten für pilzliche oder bakterielle Schaderreger wie beispielsweise der Schwarze Rindenbrand (Diplodia), Bakterienbrand (Pseudomonas) etc. Ein Riss von wenigen Zentimetern kann so zur offenen Wunde werden, durch die sich der Baum über Jahre hinweg langsam selbst aufgibt.
Warum ausgerechnet die Südseite den Pinsel bekommt
Der Nachbar macht also nichts Halbes, sondern etwas sehr Gezieltes. Die Nordseite eines Stammes bleibt im Winter meist gleichmäßig kühl, ohne große Ausschläge. Die Südseite dagegen ist der Ort des Geschehens, dort, wo Sonne und Frost aufeinanderprallen. Wenn an kalten Wintertagen die Sonne direkt auf den dunklen Stamm scheint, erwärmt sich die sonnenseits zugewandte Seite zu stark und dehnt sich aus, während die Schattenseite kalt bleibt. Genau dieses ungleiche Ausdehnen und Zusammenziehen sorgt für die Spannung, die schließlich reißt.
Ein weißer Anstrich funktioniert dabei wie ein simpler, aber wirkungsvoller Sonnenschirm für die Rinde. Die weiße Farbe des Anstrichs reflektiert die Sonnenstrahlen und verhindert so eine schnelle Erwärmung und Ausdehnung der Rinde. Weniger Erwärmung auf der Sonnenseite bedeutet weniger Temperaturgefälle zur Schattenseite, und damit weniger Zugkraft im Gewebe. Die kalte Nordseite braucht diesen Schutz schlicht nicht, weil sie ohnehin nie die extreme Erwärmung erlebt, die den Riss verursacht.
Ob man wirklich nur eine Seite oder besser den gesamten Umfang streicht, darüber gehen die Meinungen in der Praxis etwas auseinander. Die meisten Ratgeber empfehlen aus Sicherheitsgründen den kompletten Stamm, weil sich die Sonnenposition im Tagesverlauf verschiebt und auch die Südwestseite betroffen sein kann. Die sogenannten Sonnen-Nekrosen treten zumeist an der West- und Südwestseite des Stammes auf. Wer, wie der Nachbar, gezielt nur eine Seite bearbeitet, spart Zeit und Material, konzentriert sich aber auf die statistisch gefährdetste Zone. Eine pragmatische Lösung, wenn auch nicht die, die Baumschulen als Standard empfehlen.
Sommerhitze verschärft das Problem zusätzlich
Frostrisse sind längst nicht mehr das einzige Argument für den weißen Anstrich. Der Klimawandel hat eine zweite Baustelle eröffnet, die viele Hobbygärtner unterschätzen. Bedingt durch den Klimawandel treten im Sommer vermehrt Sonnenbrandschäden in Form von Sonnenplatten auf. Bereits bei Lufttemperaturen um die 30 bis 35°C kann sich die Temperatur im Stamm auf 45°C aufheizen. 45 Grad, das ist Saunaklima, direkt unter der Rinde, während der Baum daneben ganz normal in der Sonne steht.
Die Folgen solcher Hitzeschäden sind ähnlich wie beim Frost: aufgeplatzte, zerstörte Gewebeschichten. Bei intensiver Sonneneinstrahlung platzt die dünne und überhitzte Rinde junger Bäume und das darunter liegende Gewebe wird zerstört. Diese zumeist sehr großen, längs gerichteten Wunden sind ideale Eintrittspforten für Pilze und Insekten, die den geschwächten Baum bereits nach wenigen Jahren zum Absterben bringen bzw. auch zu Windbruch führen. Ein Baum, der über Jahre kränkelt, ohne dass man den Grund sofort erkennt, oft steckt genau so eine unbehandelte Wunde dahinter.
Ein Weißanstrich wirkt hier doppelt: Er kühlt im Sommer die Rinde und verzögert im Frühjahr sogar den Austrieb der Knospen, was wiederum vor Spätfrösten schützt. Gleichzeitig dämmt dieser Anstrich auch das frühe Austreiben der Knospen, wodurch die Gefahr des Erfrierens der Blüten vermindert wird. Zwei Fliegen, eine Klappe aus Kalk und Wasser.
Selbst mischen oder fertig kaufen?
Wer es dem Nachbarn nachmachen will, braucht keine komplizierte Ausrüstung. Eine bewährte, einfache Rezeptur besteht aus wenigen Zutaten: zehn Liter Wasser mit einem Liter Tapetenleim und 1,5 Kilogramm Düngekalk aus dem Baumarkt verrühren und auf den Stamm und die unteren Hauptäste auftragen. Fertige Produkte aus dem Gartenfachhandel sind teurer, halten dafür oft mehrere Jahre statt nur eine Saison.
Wichtig ist der richtige Zeitpunkt: Der optimale Zeitpunkt liegt im Spätherbst bei trockenem, frostfreiem Wetter. Vorab sollte der Stamm von loser Rinde, Moos und Schmutz mit einer Drahtbürste gereinigt werden. Ein sauberer Stamm nimmt die Farbe besser an, und der Schutz hält länger. Wer jetzt, im August, noch zögert: Der November ist tatsächlich goldrichtig, denn die Farbe sollte vor dem ersten Frost aufgetragen werden, damit sie während der kritischen kalten Jahreszeit minimal abgetragen ist.
Vielleicht lohnt sich also demnächst ein Blick über den Gartenzaun, nicht um über die halbierte Farbschicht zu schmunzeln, sondern um selbst zum Pinsel zu greifen. Die eigenen Obstbäume werden es einem im nächsten Frühjahr mit prallen Blüten danken, ganz ohne Risse, die man erst bemerkt, wenn es zu spät ist.
Sources : landwirtschaft.de | landkreis-ludwigsburg.de